Silikon verdrängte Lycra und Polyester

Ein grausig Gummiding: Badekappen gibt es seit dem Mittelalter

Keineswegs bequem: Schwimmer wie Mark Warnecke nutzten sie 1997, um schneller zu schwimmen. Fotos: dpa

Freunde waren wir zu keiner Zeit – meine Badekappe und ich. Dieses den Kopf fest umschließende Etwas aus Gummi mit Kinnband in weiß mit Blumenapplikationen habe ich verachtet, und wo immer ich konnte, ließ ich die Kappe liegen.

Mit Jahrgang 1963 fiel ich unter die bundesdeutsche Badekappenpflicht, die Mitte der 60er Jahre eingeführt wurde: mit Papa und Mama im Freibad, im Schulsport und am See unweit meines Heimatortes. Dort gab es zwar keine Badekappenpflicht, aber Mutters wachsames Auge.

Sie war stets darauf bedacht, dass meine langen Haare möglichst trocken blieben – so auch an jenem Sonntag im Sommer 1974 am See, an dem meine Verachtung für dieses Ding ins Unermessliche stieg. Mein Bruder, damals fünf Jahre alt, benutzte sie dank Kinnband wie ein Eimerchen als Frosch-Transporter, um den Gartenteich zu beleben.

Die Kappe an sich war grausig, aber eine verfroschte, zwar intensiv geschruppte, über den Kopf zu ziehen, ging gar nicht. Es war ein Dilemma: Mutter und Schule bestanden auf dem Gummiding, und mir stand der Ekel halshoch. Zwei Schulschwimmstunden ergab ich mich meiner Kappe, dann investierte ich mein Taschengeld in eine neue mit Noppen – schaurig. Aber es musste sein, denn das Ende der Badekappenpflicht war nicht in Sicht. Das kam erst Ende 80er Jahre. Noch heute gibt es in einigen Orten in Italien Kappenpflicht, doch kaum einer hält sich daran.

Die ersten Belege für Badehauben gab es im Mittelalter, als die Badehäuser aufkamen. Sie erinnern an Turbane. Im 18. Jahrhundert setzten die Damen auf die „Baigneuse“ – das gerüschte Stoffhäubchen zur Morgentoilette. Mitte des 19. Jahrhunderts, als das öffentliche Baden für Frauen möglich wurde, trugen die meisten Netzhäubchen aus feinem Wachstaft. Alternativ kamen Badehüte aus Strohgeflecht zum Einsatz.

Schuld an meiner Gummi-Kappe, von denen es zig Millionen gegeben haben dürfte, ist Charles Goodyear. Durch Zufall entdeckte er 1839, dass sich Kautschuk durch die Zugabe von Schwefel in Gummi verwandeln lässt. 1883 gab es die ersten Gummikappen, bisweilen mit Nackenschutz. Um 1900 herum wurden sie mit Satin- und Seidentüchern verschönert. Diese gibt es noch heute im Handel und fast immer stecken Frauen darunter.

Badekappen werden aus Lycra oder Polyester, aus Silikon oder Gummi hergestellt und sind in verschiedensten Farben und Mustern, mit und ohne Dekor erhältlich. Im professionellen Schwimmsport dienen sie dazu, den Widerstand des Körpers im Wasser zu verringern. Bei Wettkämpfen kommen sie noch im großen Stil zum Einsatz. Meist sind sie aus Silikon. Vertrieben werden sie von Unternehmen wie Adidas, Fashy und Speedo. Das Zehner-Set aus Silikon gibt es für 24,90 Euro, einzelne kosten auch schon mal 1,50 oder sechs Euro.

Meine Kinnband-Kappe gibt es nicht mehr. Unbeachtet lagerte sie Jahre auf dem Dachboden, trocknete aus und zerbröselte. Traurig war ich nicht.

Von Martina Wewetzer

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