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Griechenland wirbt um deutsche Rentner als Touristen – gerne auch für immer

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Von: Fabian Hartmann

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Der griechische Tourismusminister Vassilis Kikilias sagt im Interview, warum deutsche Rentner die Wintermonate in Griechenland verbringen sollen – und ob ihn die aggressive Rhetorik der Türkei beunruhigt.

Berlin – Das Regent-Hotel am Berliner Gendarmenmarkt. Eine luxuriöse Adresse für Hauptstadt-Besucher. In einem Konferenzsaal im ersten Stock hat Griechenlands Tourismusminister Vassilis Kikilias zum Gespräch geladen. Seit drei Tagen ist der Politiker bereits in Deutschland. Vor allem, um für sein Land zu weben: Griechenland hat eine neue Zielgruppe ausgemacht – deutsche Rentner. Sie sollen die Wintermonate dort verbringen. Und am besten ganz bleiben. Kurz vor der vereinbarten Zeit trifft Kikilias im Hotel ein. Er bittet noch um einen kurzen Augenblick Geduld, um sich frisch zu machen. Dann öffnet er die Tür zum Interview.

Herr Minister, wie geht es dem griechischen Tourismus in Zeiten von Inflation, Pandemie und Krieg in Europa?

Vassilis Kikilias: Das Jahr hat mit dem verbrecherischen Krieg in der Ukraine denkbar schlecht angefangen. Natürlich hatten wir Sorge, wie sich die Lage in Europa auf die Besucherzahlen auswirkt – zumal auch Corona noch nicht ausgestanden ist. Heute können wir sagen: Es sieht nach einem Rekordjahr aus. Wir gehen davon aus, dass wir den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2019 mit Tourismus-Umsätzen von 18,2 Milliarden Euro brechen. Daran haben auch die deutschen Urlauber ihren Anteil: Allein in den ersten sechs Monaten sind die Tourismus-Einnahmen aus Deutschland im Vergleich zu 2019 um 19,2 Prozent auf über eine Milliarde Euro gestiegen. Das zeigt: Griechenland ist als Reiseziel extrem beliebt. Darauf sind wir stolz. 

Ihre Regierung hat eine neue Zielgruppe ins Auge gefasst: deutsche Rentner. Sie sollen die Wintermonate in Griechenland verbringen. Was hat es damit auf sich?

Kikilias: Der Winter ist in Teilen Europas lang. Schon im Oktober kann es kalt werden. In diesem Jahr kommen steigende Energiepreise hinzu. Ein Problem, das wir in Griechenland – zumindest in der Dringlichkeit – weniger haben. Hier ist es selten kälter als 15 Grad. Oft liegen die Temperaturen im milden Bereich von 20 Grad. Warum also nicht die Reisesaison verlängern? Rentner sind in der Regel flexibel. Sie können die kalte Jahreszeit problemlos in Griechenland verbringen.

Sie versuchen also, von Inflation und explodierenden Energiepreisen zu profitieren?

Kikilias: Es geht nicht darum, die Krise auszunutzen – ganz im Gegenteil. Wir sind Partner in Europa, Solidarität ist uns wichtig. Für Griechenland ist es aber eine Gelegenheit, sich als attraktives Reiseziel zu positionieren. Davon profitieren wir und unsere Gäste. Schauen Sie sich unser Preisniveau an: Egal, ob Sie eine Flasche Wasser im Supermarkt kaufen, mit dem Taxi fahren oder abends in der Taverne essen gehen: Die Preise sind deutlich niedriger als in Deutschland. 

Überwintern in Griechenland? „Tausende Betten stehen zur Verfügung“, sagt Vassilis Kikilias

Ist es denn so einfach, lediglich für ein paar Monate eine Unterkunft zu finden? Gerade private Vermieter bevorzugen langfristige Mietverhältnisse. 

Kikilias: Schon heute gibt es Plattformen im Internet, wo Sie sowohl kurz- als auch langfristig private Unterkünfte buchen können. Außerdem gibt es in den Hotels tausende Betten, die zur Verfügung stehen. Ich habe mit den Hoteliers gesprochen: Sie wären bereit, Gäste zu empfangen. Wir nutzen die bestehende Infrastruktur. 

Ihre Regierung wirbt nicht nur um Winter-Urlauber. Sie wollen deutsche Rentner mit niedrigen Steuern dazu bewegen, ihren Wohnsitz ganz nach Griechenland zu verlegen. Die Bevölkerung Ihres Landes schrumpft und altert aber schon jetzt. Warum werben Sie nicht um junge Menschen?

Kikilias: Rentner haben ihr Arbeitsleben hinter sich. Sie sind nicht mehr an einen Ort gebunden und haben oft die finanziellen Mittel, sich etwas zu gönnen. Sie konsumieren, können Wohnungen und Häuser kaufen. Davon profitiert auch die griechische Wirtschaft. Mir ist aber wichtig zu sagen: Griechenland ist attraktiv für alle Altersgruppen. Das sehen Sie schon daran, dass Athen ein Hotspot für digitale Nomaden ist.

Griechenlands Tourismusminister Vassilis Kikilias.
Griechenlands Tourismusminister Vassilis Kikilias. © Marc de Tienda/Imago

Drohungen der Türkei: Griechenlands Tourismusminister Vassilis Kikilias spricht von „Rhetorik“

Wie sicher können sich Griechenland-Besucher fühlen? Zuletzt nahmen die Spannungen mit der Türkei – vor allem wegen der Ägäis-Inseln – wieder zu.

Kikilias: Es ist Rhetorik, mehr nicht. Wir kennen es und leben damit. Verbale türkische Ausfälle in Richtung Griechenland dienen vor allem innenpolitischen Zwecken. In der Türkei wird im nächsten Jahr gewählt. Griechenland will mit all seinen Nachbarn ein gutes Verhältnis haben – auch mit der Türkei. Dass das der Fall ist, sehen Sie daran, dass türkische Touristen Griechenland weiterhin besuchen. Wir haben kein Problem mit den einfachen Leuten.

Der türkische Präsident droht offen mit einer militärischen Aktion. Besorgt Sie diese aggressive Rhetorik?

Kikilias: Ach, das ist Politik. Unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass es eine Grenze gibt. Man kann davon ausgehen, dass der türkische Präsident von innenpolitischen Motiven getrieben ist. Die EU hat sehr klar Stellung bezogen. Im Streit um die griechischen Inseln, die die Türkei für „besetzt“ hält, ist klar: Die Grenzen Griechenlands sind die Grenzen Europas. Unser Land ist keine Gefahr für die Türkei.

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