Maergner, einst VW-Werkleiter, war vor 50 Jahren erster Azubi

„Haare bis zum Ohr“

Baunatal. „Ich war nicht der fleißigste. Fußball, Volleyball und Tennis ja, aber Latein?“ Das war vor 50 Jahren. Aus dem sportlichen Schüler Hans-Christian Maergner (66) wurde 1993 der Werkleiter des Volkswagen-Werks Kassel in Baunatal. Bis 1997 blieb er auf dem Posten. Es folgten Jahre als Direktor für VW in Südafrika und als Präsident bei Volkswagen do Brasil. Nun ist er Pensionär mit Wohnsitz in Baunatal.

Maergner zählte 1961 zu den ersten 28 Azubis im Kasseler VW-Werk. Bis 1994 stieg die Zahl der Auszubildenden stetig bis auf 274 pro Jahr, erinnert sich Friedewald Bracht (siehe Hintergrund). Er war von Juli 1971 bis Ende 1994 Bildungsleiter im Werk. Ab 1976 lernten über alle Lehrjahre bis zu 1000 junge Menschen jährlich in 18 verschiedenen Berufen, so Bracht.

Mit seinen Eltern war Maer-gner von Wolfsburg nach Kassel gezogen, da sein Vater innerhalb des VW-Konzerns den Posten gewechselt hatte. In Wolfsburg besuchte er das Gymnasium, doch Kassels Bildungsstätten verlangten auf dem Weg zum Abitur drei Jahre Latein. Die konnte er nicht vorweisen und so wurde er vor die Wahl gestellt: Latein oder Lehre. Er entschied sich für die Werkbank bei VW.

„Unsere Generation hatte alle Chancen“, sagt er rückblickend und vergleicht seinen Berufsweg mit dem seiner Tochter, die mittlerweile 42 Jahre als ist. „Für uns konnte es nach dem zweiten Weltkrieg nur bergauf gehen.“ So machte er seine Lehre zum Werkzeugmacher und büffelte abends für das Abitur an der Kasseler Max-Eyth-Schule, um später an der Ingenieursschule Kassel – heute gehört sie zur Universität – Maschinenbau zu studieren.

Für ihn war es der richtige Weg: „Erst in der Lehre habe ich Freude am Lernen gehabt.“ Er wollte mehr aus seinem Leben machen. Einen großen Anteil daran hatte sein Ausbilder „Opa Pfläging“. „Er war so etwas wie eine Vaterfigur“, erinnert er sich. Pfläging legte Wert auf Fleiß, Pünktlichkeit und Sauberkeit. Letztlich sei dies die Basis für eine höhere Produktivität im Werk. „Die Haare durften nur bis zum Ohr wachsen, die Koteletten nur das halbe Ohr bedecken.“ Überschritten sie dieses Maß wurde nicht ermahnt, sondern daran gezupft. Das reichte.

Die Prüfung bestand er mit Auszeichnung. Dafür gab es einen Bonus von 100 D-Mark. Vom Ersparten kaufte er sich nach der Lehre mit 18 Jahren seinen ersten Käfer. 40 Stunden arbeitete er, dafür zahlte ihm VW 90 D-Mark pro Monat im ersten Lehrjahr. Der Betrag stieg leicht bis zum dritten Jahr. „Außer dem Unterricht in der Berufsschule hatten wir bei Volkswagen noch einen weiteren Ausbildungstag.“ Entsprechend gering war die Durchfallquote der VW-Azubis – bis 1971, da fiel der erste bei der Abschlussprüfung durch.

Auch heute gilt: VW will nur die Besten – egal ob Mann oder Frau oder aus welchem Land. Maergner: „Leistung ist enorm wichtig.“

Von Martina Wewetzer

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