Haben die Banken nichts aus der Krise gelernt?

+
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann brüstet sich damit, ohne Steuergeld durch die Krise gekommen zu sein. Stimmt nicht ganz, meint ein Bankenprofessor.

Frankfurt/Main - Die Kassen der Großbanken klingeln wieder gehörig - und übertönen das Krisengejammer. Zur Erinnerung: Steuerzahler und Notenbanken ermöglichten ihnen die neuen Gewinne.

Weit weg scheinen in vielen Vorstandsetagen jene Monate zur Jahreswende 2008/2009, in denen die Finanzwelt fast kollabierte und Banker weltweit am Pranger standen. Während die Politik noch überlegt, wie künftig Auswüchse der Branche verhindert werden sollen, knüpfen viele Banken fast nahtlos an die Zeiten vor der großen Krise an - zumindest bei den Gewinnzahlen.

Die Deutsche Bank verdiente im vergangenen Jahr 5,0 Milliarden Euro - und macht damit die tiefroten Zahlen des Vorjahres vergessen. Vergessen zu gehen droht nach Meinung etlicher Experten aber auch, dass Steuerzahler und Notenbanken die neuen Gewinne ermöglichten und dass Reformen nun nicht aufgeschoben werden dürfen.

Wirtschaftskrise: Diese Banken hat es am meisten getroffen

Kaupthing Bank
Zahlungsunfähig seit einem Jahr: Die isländische Kaupthing Bank steht seit Oktober 2008 unter staatliche Aufsicht. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat ein Veräußerungs- und Zahlungsverbot erlassen. Die deutschen Kaupthing-Anleger bangen noch immer um ihre Einlagen. © dpa
Protest nach Lehman-Pleite
Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 war die größte Pleite eines Unternehmens, das die Welt je gesehen hat. In Folge brachen weltweit die Aktienmärkte ein und das globale Finanzsystem befand sich am Rande des Kollapses. Ein Jahr nach der Pleite erheben deutsche Banken Anspruch auf 50 Milliarden Dollar aus der Insolvenzmasse.  © dpa
Hypo Real Estate
Die Hypo Real Estate ist seit 13. Oktober 2009 vollständig in staatlicher Hand. Die Bank war in Schieflage geraten und konnte nur mit staatlichen Hilfen vor der Pleite bewahrt worden. Viele Anleger fühlen sich nun um ihr Erspartes gebracht. © AP
Bayern LB
Die BayernLB hatte allein 5,2 Milliarden Euro mit verbrieften US-Immobilienkrediten verspielt. Weitere 2,6 Milliarden Euro kostete das Engagement bei der österreichischen Skandalbank Hypo Alpe Adria. Dem Freistaat Bayern gehören inzwischen 94 Prozent der Bank. Doch 2010 erzielte die Bank wieder einen Profit von 635 Millionen Euro. © AP
westLB
Die nordrhein-westfaelische Landesbank WestLB steckt seit 2007 durch Fehlspekulationen und die Auswirkungen der Finanzkrise in Schwierigkeiten. Für 2010 meldete sie ein Minus von 240 Millionen Euro - und das, obwohl sie marode Kredite im Volumen von 77 Milliarden Euro in eine Bad Bank ausgelagert hat. © AP
IKB
Bereits im Sommer 2007 wäre die in Düsseldorf ansässige IKB beinahe pleite gegangen. Als erstes großes Geldinstitut in Deutschland. Zehn Milliarden Euro waren notwendig, um die Mittelstandsbank zu retten, vor allem der Staat musste einspringen. Doch noch immer sind die Ursachen für die Pleite nicht aufgeklärt. © AP
Commerzbank
Die Commerzbank musste vom Staat mit Milliardensummen gestützt werden. Dennoch hat die Bank Anfang Oktober 2009 nach Berichten des Handelsblatts Teile der von der Politik beschlossenen Regeln zum Anlegerschutz heftig attackiert. Bis Juni 2011 will die Bank 14,3 Milliarden Euro Rettungsgelder zurückzahlen. Das sind 88,3 Prozent der Stillen Einlage des staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin von 16,2 Milliarden Euro. © dpa
HSH Nordbank
Die Landesbank für Hamburg und Schleswig-Holstein kommt nicht mehr aus den Schlagzeilen. 2008 legte die HSH Nordbank einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro hin. Sie überlebte nur dank Steuermilliarden. 2010 erzielte sie nach harter Restrukturierung einen klitzekleinen Gewinn von 48 Millionen Euro bei einer Bilanzsumme von 151 Milliarden Euro. Die verbliebene Neun-Milliarden-Euro-Bürgschaft des Bankenrettungsfonds SoFFin will sie bis Mitte 2012 abbauen. © dpa
LBBW
Die finanziell schwer angeschlagene Landesbank Baden-Württemberg will bis 2013 ganze 2500 Stellen streichen, um so jährlich rund 700 Millionen Euro einzusparen. Inzwischen ist klar: Im Frühjahr 2009 war die LBBW quasi pleite. Gerettet haben sie Land und Sparkassen und ein Risikoschirm von 12,7 Milliarden Euro. © dpa
Bear Stearns
Die Finanzkrise erreichte mit dem Notverkauf der fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns im März 2008 einen ersten Höhepunkt vor der Lehman-Pleite. Die Bank wurde mit Unterstützung der US-Notenbank von ihrem früheren Konkurrenten JP Morgan Chase übernommen. © AP
Uni Credit
2006 übernahm die italienische Uni Credit, der Mutterkonzern der Bank Austria, die deutsche Hypo Bank. Unser Archivfoto zeigt den Uni Credit Chef Alessandro Profumo beim Verkünden dieser Nachricht. Die Wirtschaftskrise nötigte die Bank zu einer Kapitalerhöhung bis zu 6,6 Milliarden Dollar und zu einem Expansionsstopp in Osteuropa. © dpa
Goldman Sachs
Bei Goldman Sachs, einer weltgrößte Investmentbank, ist Warren Buffett eingestiegen. Die Finanzbranche fürchtet erneute Rückschläge, die Krise ist längst noch nicht vorbei. Aber Goldman Sachs legte im Juli 2009 Zahlen wie aus Tagen des Turbokapitalismus: Mit einem Gewinn von 2,7 Milliarden Dollar hat das krisengeschüttelte Institut für einen Paukenschlag gesorgt. © AP
Merill Lynch
Die drittgrößte US-Investmentbank Merrill Lynch hat sich inmitten der Wall-Street-Krise in einem Eilverkauf unter das Dach der Bank of America gerettet. Der Kaufpreis lag bei 50 Milliarden Dollar - allerdings nur in Aktien. Damit bewahrte der Merrill-Chef sein Traditionshaus vor dem Schicksal des insolventen Konkurrenten Lehman Brothers. © dpa
Northern Rock
Lange Schlangen gab es vor den Fillialen von Northern Rock, einem Baufinanzierer aus Großbritannien, da die verzweifelten Kunden ihr Ersparnisse retten wollten. Trotz eines Notfall-Kredits durch die Bank von England wurde das Institut im Februar 2008 verstaatlicht. © dpa
Zentrale US-Versicherungsgigant American International Group AIG
Beim taumelnden US-Versicherungsgiganten American International Group AIG hat die US-Regierung kaum vorstellbare 180 Milliarden Dollar Steuergelder zu dessen Rettung investiert. Die Gehälter der Manager der Handelssparte will die US-Regierung drastisch kappen. © dpa
Chrysler-Zentrale Michigan
Nur dank enormer Staatshilfen hat die Autobank Chrysler-Financial des Chrysler-Konzerns die Wirtschaftskrise bislang überstanden. In der Zentrale des Konzerns in Auburn Hills, Michigan, müssen die Manager derweil mit Gehaltseinbußen rechnen. Die US-Regierung will deren Bezüge drastisch kürzen. © dpa
citigroup
Die US-Großbank Citigroup hatte im September 2009 angekündigt, Staatshilfen im Wert von 20 Milliarden Dollar zurückzahlen zu wollen. Doch bislang stimmte die US-Regierung dem nicht zu. Diesen will zunächst offenbar keine weiteren staatlich gestützten Finanzinstitute aus ihrer Kontrolle entlassen. © AP
GM-Zentrale Detroit Michigan
Der Autokonzern General Motors, hier seine Zentrale in Detroit, betreibt auch eine Autobank namens GMAC. Der größte Autofinanzierer des Konzerns musste wegen Milliardenverlusten Staatshilfen in Anspruch nehmen. © dpa

“Es beginnt in Teilen der Finanzwirtschaft schon wieder die Art von Geschäftspolitik, die die Finanzmärkte in die Krise geführt hat“, schimpft Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis. Der Anlegerschützer Klaus Nieding meint: “Insbesondere bei Investmentbankern ist, glaube ich, ein relativ kurzes Gedächtnis vorhanden.“

Lesen Sie dazu:

Deutsche Bank macht fünf Milliarden Euro Gewinn

Risikoreiche Geschäfte der Kapitalmarktstrategen hatten maßgeblich zur Krise beigetragen. Doch die Märkte haben sich vom größten Schock erholt. Milliarden-Boni gehören in vielen Häusern immer noch zur Normalität, auch wenn einige Banken inzwischen ihre Gehaltsstrukturen überarbeitet haben. Jüngstes Beispiel: Die Investmentbanker der mit Steuergeldern geretteten Bank of America sollen trotz Verlusten sechsstellige Boni bekommen.

Der Bankenprofessor Thomas Hartmann-Wendels warnt: “Es droht, dass der Widerstand der Banken gegen schärfere Regulierung zunimmt und der Leidensdruck nachlässt.“ Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann brüstete sich wiederholt damit, ohne Steuergeld durch die Krise gekommen zu sein.

Deutsche Bank profitierte von US-Steuergeldern

Doch das ist nur die halbe Wahrheit: “Die Deutsche Bank hat zwar kein Geld vom deutschen Staat bekommen, hat aber erheblich von US-Steuergeldern profitiert“, sagt Hartmann-Wendels. “Hätte der amerikanische Staat AIG nicht gerettet, wäre davon auch die Deutsche Bank betroffen gewesen.“ Zu den Kunden des US-Versicherungsriesen AIG gehörte auch Deutschlands größte Bank.

Die Deutsche Bank profitierte 2009 auch davon, dass sich im Laufe der Finanzkrise das Feld der Konkurrenten lichtete. Renommierte Investmentbanken wie Bear Stearns und Lehman Brothers verschwanden von der Bildfläche. Zu den Gewinnern zählt auch die US-Bank Goldman Sachs: Im Gesamtjahr 2009 konnte Goldman Sachs mit einem Gewinn von 12,2 Milliarden Dollar nahtlos an die Rekordzahlen aus der Vorkrisenzeit anknüpfen. Auch die spanische Großbank Banco Santander blieb mit einem Gewinn von 8,9 Milliarden Euro nur knapp unter dem Rekordgewinn des Jahres 2007 mit 9,1 Milliarden Euro.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, mahnte die Finanzinstitute, ihre Rolle in der größten Finanzkrise seit den 1930er Jahren nicht auszublenden. Einige Banken vergäßen, “dass die allmähliche Rückkehr der Märkte zur Normalität nicht das Verdienst des Systems ist, sondern zu einem sehr großen Teil das Ergebnis eines unglaublichen Kraftaktes und Einsatzes der öffentlichen Hand, die das normalerweise nicht erledigen sollte“, sagte Trichet kürzlich dem “Wall Street Journal“.

Geld kam nicht bei Unternehmen und Verbrauchern an

Die Notenbanken fluteten in der Krise die Märkte mit billigem Geld - ohne dass dieses in gleichem Maße bei Unternehmen und Verbrauchern ankam. Allein der deutsche Staat stützt mit Milliarden die Commerzbank und stemmte die Rettung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE).

Ackermann versicherte am Donnerstag bei der Bilanzvorlage in Frankfurt: Die Deutsche Bank werde “eine aktive und konstruktive Rolle“ bei der Gestaltung neuer Rahmenbedingungen für die Branche übernehmen. Er betonte: “Anders als vielfach behauptet, haben die Banken selbst bereits viel für eine größere Stabilität getan.“ Vergütungssysteme seien reformiert, Risiken abgebaut worden. Doch Ackermann räumte zugleich ein: “Es gibt eine Verantwortung auch für die Menschen und hier müssen wir noch besser werden. Wir müssen deutlich machen, dass wir nicht nur vom Geld getrieben sind, sondern von Werten.“

Von Jörn Bender und Annika Graf

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.