Altmeister seiner Zunft

+
Erich Güntheroth ist 83 Jahre alt und davon 60 Jahre Maurermeister. Dafür erhielt er jetzt eine Ehrenurkunde, die goldene hängt schon längst in seinem Büro. Hier überlässt er die Geschäfte inzwischen seinem Sohn Wilhelm, steht ihm aber noch als Berater bei

Als Erich Güntheroth am vergangenen Dienstag leichtfüßig auf die Bühne im Sontraer Bürgerhaus schritt, wurde seine Ehefrau gefragt, ob das ihr Mann sei. Man sieht ihm seine 83 Jahre auf dem Handwerkerrücken in der Tat nicht an.

Der rüstige Senior ist seit 60 Jahren im Besitz des Meisterbriefes als Maurer und dafür erhielt er von der Kreishandwerkerschaft eine Ehrenurkunde.

Güntheroth war damit der an Lebens- und Meisterjahren mit Abstand älteste Würdenträger an diesem Abend und ist es als wahrer Altmeister seiner Zunft wahrscheinlich auch darüber hinaus. Das passt zu seiner Baufirma in der Eschweger Neustadt, die 2005 ihr 175-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Güntheroths sind nach Auskunft der Handwerkskammer in deren Zuständigkeitsbereich die älteste Baufirma in Familienbesitz. 1830 gegründet von Heinrich, es folgten Christoph, Wilhelm, Otto Güntheroth. Erich übernahm die Regie 1956 nach dem frühen Tod seines Vaters und weil sein älterer Bruder nicht aus dem Krieg zurückgekommen ist, er war 1943 in Kassel gefallen.

Erich war 1945 als Panzergrenadier in Russland in Gefangenschaft geraten. Nach der Rückkehr arbeitete er im elterlichen Betrieb als Maurer, dann studierte er in Kassel mit dem Abschluss als Dipl.-Bauingenieur. Als er 1951 fertig war, hat er nahtlos die Meisterprüfung drangehängt, den Brief hatte er in drei Wochen in der Tasche. Studieren durfte er schon nach vier Jahren Gesellentätigkeit, fünf waren damals eigentlich Vorschrift. Abitur musste man auch nicht haben, es reichte eine Aufnahmeprüfung, erinnert sich der Altmeister. Als praktisches Meisterstück musste er Pfeiler im Blockverband mauern. Danach hat Erich Güntheroth als Bauführer bei der Firma Bödicker in Bad Nauheim und Frankfurt sowie einer Firma in Köln gearbeitet, bis ihn von seiner Schwester der Ruf aus der Heimat ereilte, er müsse die Firma weiterführen.

„Das hab ich noch im Kopf“, sagt der Senior, wenn ihm seine Frau oder sein Sohn im Gespräch Erinnerungshilfe anbieten.

Sohn Wilhelm ist seit 1994 in sechster Generation sein Nachfolger als Chef, aber der Vater besitzt noch Anteile am Geschäft. In dessen Büro in der Neustadt 33 ist er, wohnhaft in Grebendorf, täglich nachmittags anzutreffen. „Um halb sechs steh ich jeden Tag auf“, sagt er stolz, ein langes pflichtbewusstes Arbeitsleben auf dem Bau kann er nicht so einfach ablegen. Privater Wohnungsbau und Aufträge der Bundesbahn, z. B. Umbau der Bahnhofsgebäude in Eschwege und Eschwege-West waren das Betätigungsfeld der Firma. Anfang der 1950er Jahre, als Güntheroth über 30 Mitarbeiter beschäftigt hat, zählte auch die Eschweger Feuerwache zu den Referenzgebäuden.

Ob die Handwerkskammer noch einen draufsetzen kann, wenn Erich Güntheroth noch zehn oder 15 Jahre dranhängt an sein langes Leben, ist ungewiss. Denn er hat schon alle Urkunden, die es gibt, in Reih und Glied wie gemauert zu bestaunen in seinem Büro.

von Helmut Mayer

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.