Die Augen hören immer mit

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Unterhaltung mit den Händen: David Wahlich (links) ist für die Ausbildung von Berlin nach Kassel gezogen, an der Drehbank fachsimpelt er mit seinem Kollegen Markus Bialecki. Ein Gebärdendolmetscher übersetzte für unsere Autorin.

Als Kind hat Markus Bialecki (18) Autos aus Prospekten seines Vaters abgezeichnet. Er sei ganz verrückt darauf gewesen, an Autos zu schrauben, sagt er. Um das mitzuteilen, benutzt er seine Hände und eine ausdrucksstarke Mimik:

Der junge Mann aus Kassel ist von Geburt an gehörlos, er versteht keine gesprochene Sprache und kann nicht reden.

Sein Traum von einem Job mit Autos hat sich jetzt erfüllt. Gemeinsam mit elf weiteren Auszubildenden hat er eine Lehre als Kfz-Mechatroniker in der Mercedes-Niederlassung Kassel begonnen. Als Gehörloser ist er nicht allein: Sein Kollege David Wahlich (20) stammt aus Berlin und ist ebenfalls hörgeschädigt.

Neue Verständigungswege

Die Mitarbeiter von Mercedes haben sich schnell auf die ungewohnte Situation eingerichtet. „Die Kollegen haben überlegt, wo optische Signale das fehlende Gehör ersetzen können“, sagt Lothar Schmidt, verantwortlich für die technische Ausbildung.

Dabei zeigen sie sich erfinderisch. Einen Schleifstein haben sie eingefärbt, damit man erkennen kann, ob die Maschine noch läuft. Autos werden nur mit eingeschaltetem Licht in die Werkstatt gefahren. An den Wänden hängen Plakate mit Gesten aus der Gebärdensprache.

„Wir sind total zufrieden und fühlen uns von den Kollegen respektiert“, sagt Markus Bialecki. „Der Umgang mitein-ander ist richtig gut“, ergänzt David Wahlich.

Mit der Entscheidung, Schwerbehinderte auszubilden, zeigt sich Niederlassungsleiter Niels Kowollik zufrieden. „Für uns ist die Ausbildung von Gehörlosen Neuland. Aber die jungen Männer haben sich schon in den Einstellungstests als ausgesprochen geeignet erwiesen“, sagt er. Und weiter: „Die Arbeit mit gehörlosen Kollegen kann der Kommunikationsqualität insgesamt guttun.“ Bis Dezember dieses Jahres lernen die Azubis in der Grundausbildung fräsen, drehen und schleifen.

Im ersten Jahr begleitet Bianca Rüter vom Integrationsfachdienst Kassel die jungen Männer. Auch für den Ausbildungsbetrieb ist sie Ansprechpartnerin für Fragen rund um die Behinderung. Die Ausbildung wird von der Agentur für Arbeit gefördert. Für den Berufsschulunterricht in Blockform fahren Bialecki und Wahlich in eine Schule für Gehörlose nach Essen. Im Betrieb übersetzt ein Gebärdensprachdolmetscher bei Schulungen, Betriebsversammlungen und Prüfungen.

Für den Arbeitsalltag gibt es weniger aufwendige Möglichkeiten zur Verständigung: „Wenn wir nicht mehr weiterwissen, schreiben wir uns“, sagt Ausbildungsleiter Frank van der Wall.

Von Ilona Polk

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