Ausbildung zur Maßschneiderin

Carolin ist fein aus dem Schneider

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Passt. Der Jungfeuerwehrmann Tobias Lange hat sich mit seinen Uniformwünschen Gerlinde Schütz und Carolin Seesemann anvertraut. Bei der nächsten Anprobe passt die Jacke, das versprechen ihm die beiden.

Carolin Seesemann will Maßschneiderin werden. So dünn gesät die Ausbildungsplätze hierfür sind, so zufällig ist die 21-Jährige fündig geworden.

Sie hat ein freiwilliges soziales Jahr an der Volkshochschule Eschwege absolviert und ist hier ihrer zukünftigen Ausbilderin begegnet: Gerlinde Schütz mit der passenden Adresse Schützengraben 1 in Eschwege hat damals einen Nähkurs geleitet.

Schütz ist seit 1985 selbstständig und betreibt eine Maß- und Änderungsschneiderei gegenüber dem alten Bahnhof, wo früher der Lebensmittelladen von Erna Rudat war. Gerlinde Schütz hat drei Mitarbeiterinnen, Praktikantinnen, Carolin ist ihre vierte Auszubildende, die drei zuvor haben alle gute Jobs gefunden.

Die Ausbildung dauert drei Jahre, zur Berufsschule muss Carolin nach Kassel fahren, wo sich auf drei Jahre verteilt aus Südniedersachsen und Nordhessen gerade mal 30 Schneiderauszubildende zusammenfinden.

210 Euro Lohn im zweiten Lehrjahr ist nicht die Welt, sagt Carolin. Für sie zählt viel mehr, dass sie, aus Weißenhasel kommend, an die einzige Maßschneiderei weit und breit geraten ist, die obendrein auch noch ausbildet. Meisterin und Schülerin scheinen sich gesucht und gefunden zu haben, die Chemie stimmt zwischen ihnen.

Der Schwerpunkt liegt zwar bei Damenkonfektion, aber auch Herrenanzüge, neu geschneidert oder gebrauchte passgenau machen, gehören zur Alltagsarbeit einer angehenden Schneiderin. Klassisch sind allenfalls noch die Prüfungsobjekte, erzählt Gerlinde Schütz. Bei der Zwischenprüfung im zweiten Lehrjahr ging es um einen Rock, bei der Gesellenprüfung wird Carolin ihre Fähigkeiten an einem Kostüm unter Beweis stellen müssen.

Bis dahin ist noch eine Weile Zeit. Inmitten von Kurzwaren in allen Farbschattierungen, das sind bunte Zwirnsfäden, und an hochmodernen Nähmaschinen geht Carolin in ihrem Traumjob auf, „vorm Computer im Büro, das ist nichts für mich“. Handsäume, Pailletten aufnähen, viel Handarbeit ist noch gefragt, auch bei anspruchsvollen Arbeiten an Brautkleidern. Auf Ändern von zehn gebrauchten kommt ein neu hergestelltes Brautkleid, sagt Gerlinde Schütz. Die 63-Jährige hat wie ihr Lehrling das typische Arbeitsgerät um den Hals hängen wie der Arzt das Stethoskop, nur hier in der Schneiderei ist es das gelbe Maßband.

Das kommt beim Anprobieren zum Zuge, wenn die Schneiderin hautnahen Kontakt zur Kundschaft hat. Ausmessen beim ersten Besuch, ein- bis zweimal anprobieren, dann muss das Teil sitzen bei einer erfahrenen Schneiderin mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl.

So auch bei Tobias Lange. Der junge Mann ist in die Eschweger Feuerwehr eingetreten, wo man ihm eine gebrauchte Uniform in die Hand gedrückt hat. Die hätte der schlanke große Mann gern etwas passender und ist im Internet fündig geworden. Auf eigene Kosten, für sowas hat die Feuerwehr kein Geld, lässt er das gute Stück enger machen.

Zusatzausbildung zur Modedesignerin fest im Auge

Auch wer sich von einer altersschwachen Lieblingsjeans nicht trennen mag, dem kann geholfen werden, sagt Carolin. Reparieren und Aufmöbeln von Jeans ist längst Routinearbeit. Geübt hat sie die filigranen Handgriffe bei der Herstellung einer Umhängetasche aus Cordstoff und einer Schildkröte aus Hosenstoffresten. Das sind zwar Spielereien, aber hübsch anzusehen und die Meisterin sieht, dass saubere Arbeit dahinter- steckt und Können.

Eine Schneiderin in der Familie ist stets gern gesehen. Da fallen schon mal originelle Geschenke ab von besagter Tasche bis zum Schlafanzug, erzählt Carolin, womit sie ihre Lieben so beglückt. Letztendlich wird alles erledigt, was mit einer modernen Nähmaschine machbar ist, wobei Schere, Nadel und Faden aber genauso wichtig sind.

Carolin will nach der Gesellenprüfung noch eine Zusatzausbildung an einer Modeschule dranhängen mit dem Berufsziel Modedesignerin mit handwerklicher Ausrichtung. Rundum zufrieden und fein aus dem Schneider fühlt sie sich jetzt schon, denn mit einer Ausbildung bei Gerlinde Schütz stehen Carolin alle Türen offen. (von Helmut Meyer)

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