Frauen im Handwerk - Annette Grote

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Frauen im Handwerk: Tischlerin Annette Grote (47) aus Sulterode

Annette Grote hat das Handwerk irgendwie im Blut. Ihre Ur-Urgroßväter waren bereits Zimmerermeister und Gartenbaumeister und ihre Großmutter war Floristikmeisterin. Für sie selbst war die Entscheidung für das Handwerk sonnenklar.

Zwei Praktika, die sie während ihrer Schulzeit absolvierte unterstrichen diesen Wunsch deutlich. Denn eines der beiden machte sie in einer Töpferei. Sie spürte ihre Leidenschaft für die schaffenden Arbeiten schon damals konkret. Einziger Wehrmutstropfen war, dass ihr die Arbeiten in der Töpferei nicht den Freiraum überließen, nach dem sie zusätzlich suchte. „Ich fand es öde, immer wiederkehrenden Prozessen zu folgen und letztlich oft das gleiche erschaffen zu müssen“, erzählt Annette Grote rückblickend im Gespräch.

Frauen im Handwerk - Annette Grothe

Tischlerin Annette Grote (47) aus Suterode

Im zweiten Praktikum entschied sie sich daher für einen ganz anderen Berufszweig. Verwaltung und Justizwesen sollten ihr einen weiteren Einblick in die Arbeitswelt verschaffen. Sie absolvierte dieses Praktikum beim Amtsgericht und sagt darüber heute: „Das war nun wirklich überhaupt nichts für mich. Ich war ziemlich froh als das Praktikum beendet war und mein Ziel schaffend tätig zu werden sich dadurch noch einmal verdeutlicht hatte.“ Es ist interessant, dass sich für Annette Grote ausgerechnet zurück in der Schule zeigte, mit welchem Werkstoff sie wirklich ihre Zukunft angehen wollte: Holz. Denn damals in den Anfängen der 80er-Jahre, als sie die zehnte Schulklasse besuchte, war es schon etwas Besonderes, dass sie und ihre jungen Klassenkameradinnen sich frei zwischen den beiden praktischen Fächern Handarbeit und Werken entscheiden durften. Der Werkunterricht lehrte ihr also die ersten Schritte in der Kunst imUmgang mit Holz. Und Annette Grote war restlos begeistert. Nun konnte sie Nichts und Niemand mehr davon abbringen, im darauffolgenden Jahr das BGJ (Berufsgrundbildungsjahr) Holz auf einer berufsbildenden Schule zu besuchen. Das war im Jahr 1981. Sie absolvierte auch diese Schule erfolgreich und erkundigte sich über die sogenannten „Berufsblätter“ über die verschiedenen Berufsmöglichkeiten in der Holztechnik.

„Ich kann mich erinnern, damals einen ganzen Stapel handwerklich ausgelegter Berufsblätter mitgenommen und durchgearbeitet zu haben“, berichtet Annette Grote. „Letztlich bin ich aber immer wieder am Beruf der Restauratorin hängen geblieben. Das gefiel mir, das schien genau das zu sein, was ich machen wollte. Um nun aber Restauratorin werden zu können, bot es sich an, zuvor eine Tischlerausbildung zu absolvieren. Und an diesem Punkt merkte ich das erste Mal, dass es als Frau nicht immer ganz leicht war, sich in der Männerdomäne Handwerk durchzusetzen.“

Zahlreiche Bewerbungen scheiterten

Annette Grote schrieb etwa 50 Bewerbungen, um sie Tischlereibetrieben im weiteren Umkreis ihrer Heimat zukommen zu lassen. Sie wusste, dass es ein besseres Bild gab, wenn sie sich persönlich vorstellen würde. Zusätzlich erkannte sie das Potenzial, welches in der Möglichkeit steckte, einem zukünftigen Chef von der eigenen Motivation, Belastbarkeit und Lernfähigkeit in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht zu überzeugen. Sicher hatte diese Methode auch ihre Wirkung gezeigt, dennoch konnte all die Mühe nichts daran ändern, dass es grundsätzliche Gründe waren, die Frauen in manchen Betrieben einfach keine Chance ließen. „Wenn ich mit meiner heutigen Erfahrung und meinem heutigen Wissen zurückblicke, dann muss ich mir eingestehen, dass ich die Absagen so mancher Geschäftsführer durchaus nachvollziehen kann.“

Besonders bei den Bautischlereien einen Fuß in die Tür zu kriegen war schier unmöglich. Zu schwer waren die Lasten, die in dieser Sparte regelmäßig zu schleppen sind. Annette Grote erzählt aber auch von einem anderen Problem, das sie regelmäßig dazu brachte ihren Traum vom Handwerk in weite Ferne rücken zu sehen: „Es gab klare Vorschriften, die besagten, dass es für weibliche Angestellte separate Toilettenräume geben musste. „Ich konnte noch so oft meine Bereitschaft erklären, mir mit meinen männlichen Arbeitskollegen die sanitären Anlagen zu teilen und konnte noch so oft das Argument bringen, dass in einem Zug ja auch keine Toilettentrennung von Männlein und Weiblein stattfand, Vorschrift blieb Vorschrift.“

Mit dem Tiefpunkt kam die Wendung

Einmal traf sie in einem Bewerbungsgespräch sogar auf den damaligen Obermeister und dieser war voll und ganz vom „alten Schlag“. Doch noch immer gab Annette Grote ihren Traum nicht auf, denn sie hatte einen festen Willen. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Dieses alte Sprichwort offenbarte sich für sie, als sie sich bei dem Göttinger Unternehmen Phywe bewarb. Der Betrieb war darauf spezialisiert, Lehrmittel für Schul- und Laborbedarf und Schulmöbel herzustellen und hatte somit auch eine integrierte Tischlereiabteilung mit Holzlehrwerkstatt. Diese Bewerbung bei der Phywe war ein Volltreffer. Denn man hatte in dem fortschrittlichen Betrieb bereits darüber nachgedacht, einen weiblichen Lehrling einzustellen. Durch die breit gefächerten Tätigkeitsfelder innerhalb des Betriebs und deren räumliche Gliederung konnten alle formellen Vorschriften diesbezüglich eingehalten werden. Zusätzlich war auch der Betrieb innerhalb des Tischlereiwesens auf Arbeitserleichterung ausgestattet, sodass es beispielsweise einen Kran zum Heben schwerer Platten auf Maschinen und Rollwagen sowie Hubwagen gab. Annette Grote war auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz zur Tischlergesellin und die Entscheidungsträger bei Phywe suchten nach einer jungen Frau, die ihre Pläne zielstrebig verfolgte und als Katalysator wirken konnte, um vielen nachfolgenden Frauengenerationen den Weg ins Handwerk zu ebnen. Zusätzlich versprach man sich durch weibliche Eigenschaften wie Feinfühligkeit und ausgeprägtem Sozialsinn eine Abschwächung des rauen Tones innerhalb der betrieblichen „Männerwirtschaft“. Und so wurde die Einstellungsentscheidung zum Nutzen beider Seiten getroffen.

Annette Grote erzählt dazu rückblickend: „Ich durfte von Anfang an viel mit Holz arbeiten, habe mich in Theorie und Praxis intensiv mit der Materie auseinandergesetzt und genau das gelernt, was ich immer wollte. Die Schwerstarbeit fiel in diesem Betrieb weg. Dafür lernte ich eine andere Seite meines Berufes kennen. Eine Seite, bei der meine geschickten und feingliedrigen Frauenfinger durchaus ihre Vorteile zeigten: Ich arbeitete an vielen filigranen Holzwerken. Zudem haben die Azubis bei Leerlauf neben den eigentlichen Tätigkeiten immer mal Wohnmöbelstücke für Mitarbeiter fertigen dürfen und sich so auch Kenntnisse im allgemeinen Möbelbau angeeignet und nach und nach vertieft.

Die Zeichen standen auf Liebe

Und die Phywe war es schließlich auch, die ihr nach dem ersten beruflichem Erfolg zu privatem Glück verhalf. Denn dort lernte sie während der Ausbildung ihren Mann Manfred Grote kennen und lieben. Das Paar heiratete im Herbst 1985, denn im Januar 1985 kamen bereits die Zwillinge Jan-Wilhelm und Katharina (beide heute auch im Handwerk tätig) zur Welt. So viel Glück sie nun auch gefunden hatte, so schwer wurden die Zeiten im Betrieb und Annette Grote sah sich gezwungen, sich zwischenzeitlich einer neuen Arbeit zuzuwenden. So arbeitete sie vorübergehend bei Satorius in Göttingen im Bereich der Platinenfertigung und nahm auch dort Fertigkeiten wie zum Beispiel das Löten mit. Später, als die Schulmöbelabteilung der Phywe schloss, machte sie sich mit ihrem Mann als Schulmöbelbauer unter dem Namen Grote GmbH Einrichtungssysteme selbstständig. Das schnelle Unternehmenswachstum, was eigentlich sehr positiv war, bewirkte aber auch, dass das Ehepaar die Verantwortung und die Risiken nicht mehr tragen konnten und so verkauften sie im Jahr 2003 ihre Anteile und wurden in die LD Mobiliar integriert. Im Jahr 2004 trennten sich dort die geschäftlichen Wege entgültig. Annette und Manfred Grote eröffneten im Jahr 2005 ihre eigene Tischlerei: Grote Gbr und Suteroder Forstwerkstatt. Dort arbeiten sie ausschließlich mit Massivholz und kreieren ihre eigenen Werke. Als leidenschaftliche Sammler haben sie ihre gesammelten Erfahrungen und das kompakte Know-how eingebracht und sich auf die Fertigung individuell angepasster Sammlungsmöbel wie Vitrinen, Schränke, Tische oder Regale spezialisiert.

Restauratorin ist sie nicht geworden, denn schnell hat sie entdeckt, dass der Erhalt alter Stücke zwar ungemein wichtig, für sie dennoch zu eintönig in den Arbeitsschritten ist. Auch den Meister hat sie nie absolviert. Schließlich hat sie es durch ewiges Probieren nach dem Motto „learning by doing“ und gleichbleibendes Interesse an ihrem Job auch so weit gebracht. Blickt sie zurück, so wiederholt sie gern: „Ich habe meinen Traumjob gefunden und würde auch bei allen weiteren Chancen wieder dieselbe Entscheidung treffen.“ (ysl)

Steckbrief Annette Grote.pdf

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