Frauen im Handwerk - Inge Berndt

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Frauen im Handwerk: Inge Berndt aus Moringen ist Raumausstatterin aus Leidenschaft.

Als Inge Berndt (geborene Vespermann) im Jahr 1975 ihre Ausbildung begann, war sie die einzige junge Frau auf dem Weg zur Raumausstatterin in ihrem Jahrgang.

Erst zehn Jahre zuvor wurden die beiden von Männern dominierten Berufe Polsterer und Dekorateur und Polsterer und Tapezierer zum Berufsfeld des Raumausstatters zusammengefügt.

Obgleich der Beruf handwerkliches Geschick, Kreativität und den Blick für die schönen Dinge im Leben vereint, war es noch nicht üblich, als Frau in diese einstige Männerdomäne vorzudringen. Der Umbruch der Zeit brachte allerdings den Wandel und hier und da starteten mutige junge Frauen bereits ihren Eroberungsfeldzug im Handwerk. Das war nicht immer einfach. Doch Inge Berndt sind solche Probleme zum Glück fremd geblieben: „Ich hatte von Anfang an nie Probleme damit, von all den Jungs um mich herum akzeptiert zu werden und habe mich ab dem ersten Moment wohl- und richtig aufgehoben gefühlt“, erinnert sich Inge Berndt an ihre ersten offiziellen Schritte in diesem Gewerbe.

Frauen im Handwerk - Inge Berndt

Raumausstatterin Inge Berndt (52) aus Moringen

Inoffiziell waren ihr die Komplexität und Vielfalt des Berufsfeldes der Raumausstatter längst bekannt, denn sie wurde schon in frühester Kindheit damit konfrontiert. Seit Generationen gehört die Selbstständigkeit in dieser Branche nämlich zur Familiengeschichte. Bereits ihr Urgroßvater war Polsterer und Sattler, hatte sich also für den Beruf entschieden, der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Grundlage zum modernen Raumausstatter werden sollte und gründete im Jahr 1893 den Familienbetrieb, den Inge Berndt heute in vierter Generation unter dem Namen Raumgestaltung Vespermann gemeinsam mit ihrem Mann Norbert im Herzen von Moringen leitet.

Inge Berndt hat sehr lebhafte Erinnerungen an eine Kindheit zwischen Stoffen, Holz und Werkmaschinen. „Ich habe es genossen, bei meinem Großvater in der Sattlerei zu sitzen, seinen spannenden Geschichten zuzuhören und ihm beim Werkeln über die Schulter zu schauen.“ Durch die Einbindung der gesamten Familie in den Betrieb, lernte Inge Berndt schnell die Vorzüge dieser Arbeit kennen. Vor allem die Abwechslung und Vielschichtigkeit der Aufgaben faszinierten sie. Dennoch schnupperte sie während ihres regulären Schulpraktikums in eine andere Welt des Arbeitens in einer Fabrik. Dass ihr die dort verrichteten monotonen Arbeiten jedoch nicht zusagten, blieb nicht weiter verwunderlich. Der Wunsch, zur Raumausstatterin ausgebildet zu werden und somit auch in die Fußstapfen der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zu treten, änderte sich also nicht. Sie absolvierte ihre Ausbildungszeit im elterlichen Betrieb und bekam endlich die Chance, alle Kniffe und das Know-how um das Geschäft von der Pike auf zu lernen.

Ganz nebenbei lernte sie in ihrem elterlichen Ausbildungsbetrieb auch ihren heutigen Mann kennen, der ebenfalls seine Lehrzeit dort verbrachte. Seit Ausbildungszeiten ist sie also beruflich und seit 1976 dann auch privat mit ihrem Mann Norbert verknüpft. Während Norbert Berndt den Betrieb vorübergehend verließ, um neue Erfahrungen zu sammeln und andere berufliche Perspektiven kennenzulernen, blieb Inge Berndt im elterlichen Betrieb und brachte sich mit ihrem Engagement immer mehr ein. Zu dieser Zeit war sie je nach Auftragslage fast ausschließlich handwerklich tätig. Und da bringt der Job des Raumausstatters so einiges mit sich. Prinzipiell gliedert sich das Berufsfeld nämlich in die fünf Bereiche Polsterei, Wandbekleidung mit Tapete und Stoff, Fußbodenarbeiten beziehungsweise Unterbodenaufbereitung, Fensterdekoration und Sonnenschutz.

Jeder Bereich erfordert nicht nur einschlägiges Fachwissen, sondern auch eine ganz eigene Art von Umsetzung. So war Inge Berndt beispielsweise in der Werkstatt anzutreffen, in der sie Polstermöbel reparierte oder im Atelier, in dem die Stoffbahnen so verarbeitet wurden, dass hochwertige und schicke Gardinen daraus entstanden. Vor Ort musste sie Maße nehmen, Risse auf Böden sanieren und spachteln. Auch das Ausarbeiten eines individuell auf Firmen- oder Privatbedürfnisse zugeschnittenen Sonnenschutzes geht weit über die Auswahl der Materialien hinaus. Zunächst muss eine personalisierte und technisch einwandfreie Lösung gefunden werden. Ein geschulter Blick, mit dem die zu schützenden Räumlichkeiten dafür besichtigt werden, ist unablässig. Auch das Anbringen der fertigen Sonnenschutzanlagen gehört dabei zum Tätigkeitsfeld der Raumausstatter. „Kunden, zu denen ich mit raus kam, standen mir stets freundlich und offen gegenüber. Ihnen gefiel, dass sich auch Frauen dieses Jobs angenommen haben“, erinnert sich Inge Berndt an die Zeiten, zu denen sie fast ausschließlich die handwerkliche Seite des Jobs ausübte.

Ihrem Großvater hat sie es zu verdanken, dass sie sogar noch ein weiteres, altehrwürdiges, nicht zwingend zum Berufsfeld gehörendes Handwerk lernte: Das Arbeiten mit Lederwaren. Auf diese Fertigkeiten, die noch ein Überbleibsel der einstigen Sattlerei waren, ist Inge Berndt besonders stolz, auch wenn die Reparatur von Lederwaren inzwischen nicht mehr zum Angebot des Geschäfts zählt. Den handwerklichen Teil ihrer Arbeit beherrschte sie ohne weiteres, aber das Leistungsspektrum einer Raumausstatterin ist noch viel größer. Auch die stilsichere, fachlich versierte und individuelle Beratung gehört zum Berufsalltag. Bis dato hatte Inge Berndt in diesem Teilbereich zwar eine fundierte Ausbildung aufzuweisen, jedoch fehlte es ihr noch an Erfahrung. Sie beschloss daher, für ein halbes Jahr in einem Fremdbetrieb mit großem Beratungs- und Verkaufspotenzial neue und tiefgehende Erfahrungen zu sammeln. Überraschenderweise stellte sie fest, dass ihr auch dieser Part enormen Spaß brachte und ihr ebenso im Blut lag wie das tatkräftige Handwerk.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge und tatsächlich um Erfahrung reicher kehrte sie nach dem halben Jahr zunächst in den elterlichen Betrieb, bei dem auch ihr Mann zwischenzeitlich wieder arbeitete, zurück. Norbert Berndt absolvierte seinen Meistertitel und Inge Berndt war abwechselnd für Beratung, Verkauf und Handwerk zuständig. „Der Betrieb, bei dem ich zwischenzeitlich meine Verkaufserfahrungen gesammelt hatte, fragte zufällig an, ob ich nicht noch mal wieder kommen wollte. Aber das ging ja nicht, da mein Mann seinen Meister machte und ich im Familienbetrieb gebraucht wurde. Nachdem Norbert allerdings als frischgebackener Meister zurückkehrte, ergriff ich die Chance und ging noch einmal für weitere vier Jahr zurück. In dieser Zeit konnte ich nochmals einiges an wertvoller Erfahrung gewinnen.“

1985 kam Tochter Alexandra zur Welt und 1989 wurde Sohn Alexander geboren. Darauf sich als Mutter eine Auszeit zu nehmen, wäre Inge Berndt nicht gekommen. Der Betrieb befand sich ins Wohnhaus integriert und so erlebten auch ihre Kinder eine spannende Kindheit zwischen Stoff und Holz, Ladengeschäft und Werkstatt. Mit der verantwortungsvollen und hingebungsvollen Aufgabe als Mutter und gleichzeitig ja auch Hausfrau, wurde der handwerklich-praktische Teil ihres Jobs allerdings immer geringer. Das störte Inge Berndt jedoch nicht. Schließlich verliert man sein handwerkliches und technisches Know-how allein deswegen schon nicht, weil vor der praktischen Umsetzung alle Schritte in der Theorie durchdacht werden müssen. Ein Kunde braucht schließlich Lösungen, die funktionieren und ihn begeistern. Da gibt Inge Berndt von der Idee, über die Beratung bis hin zur Planung immer 100 Prozent. „Es ist genau das, was ich an Ansprüchen an meinen Job habe und so mag. Immer offen zu sein für Neues, Vorstellungen individuell umzusetzen und auch bei Wünschen, die technisch einfach nicht machbar sind eine individuelle und begeisternde Lösung zu finden.“

Gemeinsam mit ihren Eltern Heinz und Erika Vespermann und ihrem Mann Norbert setzt sie diese Ansätze bis heute um. Inge Berndt übernahm bereits im Jahr 1991 die Inhaberschaft des Familienbetriebes, aber etwas hat sich bis heute nicht geändert: Man arbeitet Hand in Hand und immer miteinander. Es gab nie Generationenübergreifende Probleme. Bis jetzt sind Inge Berndts Eltern am Betrieb hochinteressiert geblieben und werden als Ratgeber sehr geschätzt. „Der familiäre Kreis schließt sich immer wieder, wenn neue Generationen nachrücken, sicherlich frischen Wind bringen und dabei durch die der vorangegangenen Generation mit wertvoller Erfahrung unterstützt werden“, berichtet Inge Berndt und erzählt mit Stolz und Freude, dass sich auch ihre Tochter Katharina dazu entschlossen hat, Raumausstatterin zu werden. Sie erhielt bereits im Jahr 2008 ihren Meistertitel und wird in näherer Zukunft in den elterlichen Betrieb einsteigen. Eingebunden in den Betrieb, so berichtet Inge Berndt weiter, wird sie auf jeden Fall jetzt schon vollwertig. (ysl)

Steckbrief Inge Berndt.pdf

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