Ein Salon mit Geschichte

+
Geben Schere und Kamm in andere Hände: Christa-Marie und Karl-Heinz Kindereit geben den seit 1959 an der Friedrich-Ebert-Straße bestehenden Friseursalon auf. Die Nachfolge übernimmt Patrizia-Bernat Spada (links).

Bevor Karl-Heinz Kindereit im Herbst 1959 seinen Friseursalon an der Friedrich-Ebert-Straße eröffnete, stellte er sich erstmal vor das noch leere Ladenlokal und zählte die Fußgänger: „Morgens um kurz vor acht sind 80 Leute vorbeigekommen – da wusste ich, es ist eine gute Lage“, sagt der 83-Jährige.

Von Laufkundschaft profitiert der Salon zwischen Friedenskirche und Querallee noch heute, auch wenn inzwischen mehr Auto- als Fußgängerverkehr herrscht. Aber auch viele Stammkunden haben dem Friseurgeschäft, das nun vor einem Wechsel steht, jahrzehntelang die Treue gehalten - die älteste Kundin ist 93.

Hinter der Glasfront des Salons scheint die Zeit ein Stück weit stehen geblieben: Die farbigen Waschbecken verbreiten den Retro-Charme der 50er-Jahre, an der Wand hängen Handwerks-Utensilien von anno dazumal, darunter alte Rasiertöpfe, Onduliereisen von 1910, und eine Haarschneidemaschine von 1925. Auch die Bilder und verschiedenste Dekoartikel zeugen von der Geschichte des Salons.

65 Jahre im Beruf, davon 53 im eigenen Salon in Kassel liegen hinter Karl-Heinz Kindereit. Anfangs betrieb er ihn mit seiner ersten, inzwischen verstorbenen Ehefrau Rita, mit der er 1958 aus der DDR geflüchtet war. Ende dieser Woche legt der 83-Jährige Schere und Kamm endgültig aus der Hand und geht in den Ruhestand. Seine heutige Ehefrau Christa-Marie (63), die vor 30 Jahren als Angestellte an der Friedrich-Ebert-Straße anfing, den Salon 1990 als Chefin übernahm, wird noch zweimal die Woche halbtags bei der Nachfolgerin mitarbeiten. Die 38-jährige Kasseler Friseurmeisterin Patrizia Bernat-Spada wird den Traditionssalon nach einer kurzen Umbauphase am 21. August unter dem Namen „Capelli“ (italienisch für: Haare) neu eröffnen.

Auch an den letzten Tagen seines Arbeitslebens ist nicht zu übersehen, dass für Karl-Heinz Kindereit, der aus einer Frisörfamilie stammt, der Beruf auch Leidenschaft ist. „Die Kommunikation und das Kreative, das ist das Schönste“, sagt der 83-Jährige, der seine Kunden noch überraschend agil mit der Trittpumpe im historischen Friseurstuhl auf die richtige Höhe bugsiert. An die Mode der 50er- und 60er-Jahre denkt er gern zurück: „Das war ja alles viel aufwändiger, viel schöner.“ Steckfrisuren, Dutt, auftoupierte Haare. Später dann Dauerwelle, Afro-Look, Pagenschnitt und Strähnchen. Die Kindereits haben in den Jahrzehnten alle Trends für die Köpfe mitgemacht - wenn es denn die Kunden wünschten. Und durch ihre herzliche Art und die familiäre Atmosphäre im Salon viele Lebensgeschichten begleitet. „Man hätte Romane schreiben können“, sagt Christa-Marie Kindereit und lacht. Alles Vertrauliche nimmt das Friseur-Paar natürlich mit in den Ruhestand.

Ein Geheimnis lüftet Karl-Heinz Kindereit aber noch: das seines vollen Haars bis ins hohe Alter. Gute Pflege und 70 Bürstenstriche täglich, lautet das Rezept.

Neueröffnung Salon Capelli am 21. August, Tel. 0561/771563.

(von Katja Rudolph)

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.