„Das Handwerk ist der Schlüssel für die Entwicklung eines Landes“

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Angela Kolsdorf: Sie ist die Verantwortliche für das Personalmarketing und -recruiting von Fachkräften für den Entwicklungsdienst bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Am 14. November 2011 feiert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sein 50-jähriges Bestehen. Dieser Geburtstag markiert zugleich 50 Jahre deutsche Entwicklungszusammenarbeit, in der auch das Handwerk eine entscheidende Rolle spielt.

Deutsche Handwerker sind aufgrund ihrer umfassenden Fachkenntnisse im Ausland äußerst gefragt und helfen in Entwick-lungsländern, die Lebensbedingungen der Menschen nachhaltig zu verbessern.

Anlässlich des Jubiläums spricht Angela Kolsdorf, Verantwortliche für das Personalmarketing und -recruiting von Fachkräften für den Entwicklungsdienst bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), über das große Potenzial von handwerklichen Fachkräften und ihre Einsatzmöglichkeiten in der Entwicklungszusammenarbeit.

Frau Kolsdorf, die GIZ entsendet jährlich deutsche Experten in alle Teile der Welt. Was für Voraussetzungen müssen Fachkräfte aus dem Handwerk mitbringen, um für die GIZ ins Ausland gehen zu können?

Kolsdorf: Wie alle Fachkräfte, die wir ins Ausland entsenden, müssen auch Handwerker eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen, um sich für den Dienst als Entwicklungshelfer zu qualifizieren. Dazu gehört der Nachweis der Meisterqualifikation sowie mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in dieser Position. Sofern sie dazu auch noch Erfahrung in der beruflichen Weiterbildung oder als Gewerbelehrer haben, kommt ihnen das auf jeden Fall zugute.

In welchen Bereichen werden Handwerker im Ausland eingesetzt und was sind ihre konkreten Aufgaben?

Kolsdorf: Deutsche Fachkräfte mit einer handwerklichen Ausbildung sind mit ihren praktischen und theoretischen Qualifikationen in den Entwicklungsländern sehr gefragt. Sie werden in der Regel in den Bereichen Arbeitsmarktentwicklung sowie Berufsbildung und -förderung eingesetzt. Das heißt, sie beraten und unterstützen etwa die Berufsschulzentren in dem jeweiligen Land dabei, neue Ausbildungsgänge zu konzipieren und einzuführen. Diese dienen unter anderem dem Aufbau der Infrastruktur, aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes. In Palästina beispielsweise wurde festgestellt, dass im Karosseriebau ein Mangel an Fachwissen, Maschinen und Werkstätten besteht. Es werden daher immer wieder echte Experten gesucht, die nicht nur in der Lage sind, ihr Fachwissen verständlich zu vermitteln, sondern die auch ganz praxisorientiert mit anpacken können.

Welche Vorteile haben Handwerker gegenüber Akademikern in der Entwicklungszusammenarbeit?

Kolsdorf: Das deutsche duale Ausbildungssystem genießt im Ausland einen exzellenten Ruf. Insbesondere handwerklich ausgebildete Fachkräfte haben in den Partnerländern ein hohes Ansehen, da sie über viel praktisches Wissen und Know-how verfügen. Dadurch tragen sie einen großen Teil dazu bei, dass vor Ort ausgebildete Menschen ihre Kompetenzen erweitern und selbständig anwenden können. Zum Beispiel in Afghanistan: Dort herrschte über Jahrzehnte hinweg Krieg. Deshalb haben viele junge Männer in der Regel überhaupt keinen praktischen Beruf erlernt. Das heißt, sie benö-tigen eine Ausbildung, die sie in die Lage versetzt, den Aufbau ihres Landes voranzutreiben. Sie müssen beispielsweise lernen, wie eine elektrische Leitung verlegt wird oder wie ein Dorf mit Wasser versorgt werden kann. Dafür liefern deutsche Handwerker nicht nur die theoretischen, sondern auch die praktischen Grundlagen. Somit sind sie der essentielle Schlüssel für die Entwicklung eines Landes.

Ein oder mehrere Jahre im Ausland zu arbeiten, ist eine prägende Erfahrung. Was berichten die „Rückkehrer“ selbst?

Kolsdorf: Die Erfahrungen, die unsere Fachkräfte im Ausland sammeln, bringen sie beruflich und auch persönlich weiter. Sie lernen eine fremde Kultur und ungewohnte Lebensbedingungen kennen. Auch ihre Fremdsprachenkenntnisse verbessern sich enorm. Wir setzen zum Beispiel viele Fachkräfte im Sanitär- und Klimabereich ein, die im arabischen Raum arbeiten. Dort kann es passieren, dass man sogar mit Englisch als Fremdsprache nicht sehr weit kommt. Das heißt, in der Vorbereitung bieten wir die Möglichkeit, neue, und für manche vielleicht exotische Sprachen, zu erlernen. Außerdem ist es für viele Fachkräfte eine ganz spezielle Erfahrung, ihr Wissen zu vermitteln und damit auch langfristig die Lebensverhältnisse der Menschen in Entwicklungsländern zu verbessern. Genau diese Erfah-rung wird von vielen „Rückkehrern“ als sehr positiv bewertet.

Und inwiefern bringt sie das auf dem deutschen Arbeitsmarkt weiter?

Kolsdorf: Durch ihren Einsatz gewinnen sie natürlich an sozialer und interkultureller Kompetenz. Zurück in Deutschland profitieren sie letztlich auch von ihren neuen Erfahrungen. Handwerker, die im Ausland gearbeitet haben, stellen einen großen Mehrwert für deutsche Unternehmen und Betriebe dar und werden gerne eingestellt.

Können auch junge Menschen mit weniger Berufserfahrung ihr Kön-nen im Ausland anzuwenden. Und was unternehmen Sie, um ihnen die Vorzüge der Entwicklungsarbeit näher zu bringen?

Kolsdorf: Wir sind sehr bemüht, junge Menschen auch in der Ausbildungsphase anzusprechen. Über unser Freiwilligenprogramm „weltwärts“ können sie zum Beispiel bereits nach der Gesellenprüfung für ein Jahr ins Ausland gehen und einen Freiwilligendienst in einem unserer Partnerländer leisten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, über das Nachwuchsförderungsprogramm der GIZ ein Stipendium zu erhalten. Die Stipendiaten arbeiten dann im Rahmen eines konkreten Entwicklungsprojektes bei einer Part-nerorganisation unter Anleitung eines erfahrenen Mentors.

Gibt es auch ein Programm, über das sich ehemalige Berufstätige in der Entwicklungsarbeit engagieren können?

Kolsdorf: Ja, der sogenannte Senior Expert Service (SES) gibt auch Handwerkern die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren, nachdem sie bereits aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden sind. Diese Stiftung, an der auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) beteiligt ist, sucht fortlaufend Experten aus vielfältigen Fachbereichen wie etwa der Holz- oder Textilverarbeitung. Pensionierte Fachkräfte können dabei ihr Wissen und ihre Erfahrungswerte aus dem Berufsleben zur Verfügung stellen – sowohl für die Arbeit in den Entwicklungsländern, als auch für deutsche Betriebe. Die Einsätze sind dabei generell kürzer, sie dauern in der Regel zwischen sechs Wochen und drei Monaten. Gezahlt werden die Hin- und Rückreise sowie die Unterkunft und es gibt ein kleines Taschengeld. Das ist eine spannende Möglichkeit insbesondere für Handwerker, die sich aus dem aktiven Berufsleben verabschiedet haben, aber sich weiterhin engagieren wollen. (www.handwerk.de)

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