Das Handwerk sorgt für Weingenuss

Damit aus Trauben edle Tropfen werden

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Wein braucht Holzkontakt: Ein handwerklich hergestelltes Weinfass prägt den Weingeschmack entscheidend mit.

Mit der Weinlese im Herbst beginnen in den Winzerbetrieben und Kellereien wieder arbeitsreiche Wochen. Von Riesling über Müller-Thurgau bis Spätburgunder erfreuen sich deutsche Weine großer Beliebtheit. Damit aus reifen Trauben edle Tropfen entstehen, ist das Know-how des Handwerks unverzichtbar.

Deutschland gehört zu den Top-Weinnationen der Welt. Über neun Millionen Hektoliter werden hierzulande jährlich produziert. Auch beim Konsum der edlen Tropfen werden die Deutschen in Europa nur von den Weinländern Italien und Frankreich übertroffen. Ob der heimische Weindurst gestillt wird, hängt aber nicht nur von Winzer und Wetter ab. Bei der Produktion und Verarbeitung sind die Fachkenntnisse handwerklicher Böttcher und Weintechnologen entscheidend für die Qualität der Weine.

Handwerk in „Spätlese“-Qualität

Auch das traditionsreiche Weingut Schloss Johannisberg bei Rüdesheim verdankt die Qualität seiner Weine dem handwerklichen Know-how seiner Kellermeister – und einem glücklichen Zufall: Als 1755 die Weinlese- Erlaubnis des Fürstbischofs von Fulda erst mit zweiwöchiger Verspätung eintraf, hatte bei einem Großteil der Trauben bereits die Fäulnis eingesetzt. Trotzdem begann der verzweifelte Kellermeister, die verloren geglaubte Ernte zu keltern, und wurde im darauffolgenden Frühjahr von bislang unbekanntem Qualitätswein überrascht. Die „Spätlese“ war erfunden – und macht den hessischen Riesling seither zu einem weltweit gefragten Tropfen.

Heute wird in den traditionsreichen Schlosskellern jedoch nichts mehr dem Zufall überlassen. „Von der programmierbaren Traubenpresse bis zur digitalen Gärsteuerung ist der Computer aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken“, erklärt Kellermeister Gerd Ritter. Der handwerkliche Weintechnologe nutzt modernste Techniken, um Mostgewicht, Säuregehalt und Filterprozesse zu überwachen. „Zudem gilt es, beim Wein die Jahrgangsspezialitäten herauszuarbeiten“, sagt der 44-Jährige. „Keiner unserer Weine gleicht seinem Vorgänger.“ Pro Jahrgang füllt der Handwerker rund 250.000 Flaschen des edlen Rieslings ab – und vergisst trotz aller technischen Neuerungen nie die Geschichte seines legendären Vorgängers: „Erfahrung, Bauchgefühl und einen feinen Geschmackssinn kann nach wie vor keine Maschine ersetzen.“

Innovationen vom Fass

Ebenso unersetzlich für die Weinproduktion bleiben die Holzfässer, in denen die Weine lagern und reifen. „Hochwertige Weine brauchen Holzkontakt“, sagt Böttchermeister Hans Hösch, der auch das Schloss Johannisberg beliefert. „Unsere Eichenfässer sind deshalb in fast allen Weinbaugebieten Deutschlands und sogar in Neuseeland gefragt.“ Dabei war der Bedarf an seinen Produkten nicht immer so hoch. „In den 70ern haben die Winzer ihre alten Bestände gegen vermeintlich bessere Kunststoff- oder Metalltanks ausgetauscht“, erinnert sich der 65-Jährige. „Eine Modeerscheinung, die nicht lange anhielt.“ Die Wiederbelebung der Branche nutzte Hösch für eigene Innovationen. So vertreibt sein Handwerksbetrieb ein patentiertes Abdichtungselement an Weinbetriebe auf der ganzen Welt. Auch seine Spezial-Fässer mit dem Sichtfenster „Finestra“ setzen viele Kellereien zur Beobachtung der Gär- und Reifeprozesse ein. „Trotzdem ist jedes unserer Holzfässer ein Unikat und in Form und Maß an den Kundenwunsch angepasst“, sagt Hösch. Rund 100 Stück fertigt sein Team aus drei Böttchern, einem Zimmerer und einem Tischler pro Jahr. Holzexperten aus diesen drei unterschiedlichen Gewerken zu beschäftigen, sei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. „Der Weinkeller ist und bleibt die ‚gute Stube’ des Winzers“, erklärt der Böttchermeister lachend. „Und unsere Fässer sind die wertvollen Möbelstücke.“ (www.handwerk.de)

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