Spannende Einblicke in den Arbeitsalltag anderer Länder

Als Handwerker das Ausland entdecken

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Auslandsaufenthalt während der Lehre: Jan Augustin hat wichtige Berufserfahrung in Spanien gesammelt.

London, Paris, Madrid: Immer mehr junge Handwerker sammeln Erfahrungen bei einem Praktikum im Ausland. Dabei lernen sie neue Techniken, Sprachen und Freunde kennen – und erhalten spannende Einblicke in den Arbeitsalltag anderer Länder.

Ein Gewinn für Teilnehmer und Betriebe, wie die steigende Nachfrage bei den Austauschprogrammen zeigt.

Als Auszubildender oder Geselle, innerhalb Europas oder bis nach Amerika und Asien. Allein 2012 absolvierten über 1800 junge Handwerker ein Praktikum im Ausland – Tendenz steigend. Einer von ihnen ist Konditor-Lehrling Jan Augustin, der heute noch begeistert an seinen Spanien-Aufenthalt zurückdenkt: „Madrid ist pulsierend, bunt und lebendig – einfach eine großartige Stadt!“ Der 29-Jährige arbeitete im März 2013 für drei Wochen in einem Bäckerei- und Konditorei-Betrieb in der spanischen Hauptstadt. Ermöglicht hat ihm das ein Stipendium des „Leonardo da Vinci“-Programms für Lebenslanges Lernen. Die Kooperation kam über das Mobilitätsberaternetzwerk „Berufsbildung ohne Grenzen“ zustande, welches vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützt wird. Gefördert wird das Programm aus Mitteln von Bund und Europäischem Sozialfond.

Andere Dimensionen

Auch Clemens Sander hat vom „Leonardo da Vinci“-Programm profitiert. Der 18-Jährige Tischler-Lehrling bekam im Mai 2013 die Chance, für drei Wochen in Paris an der Opéra Bastille zu arbeiten. Aus einem kleinen Drei-Mann-Betrieb im nordrhein-westfälischen Schwanenberg kommend, war die Arbeit an der Pariser Oper eine überwältigende Erfahrung für den Junghandwerker: „Das war wie eine 180-Grad-Drehung, komplett anders als das, was ich von Zuhause kannte“, berichtet Sander. „Allein die Dimensionen waren riesig, da wir ganze Bühnenbilder hergestellt haben.“ Zudem konnte er neue Arbeitsweisen von seinen französischen Kollegen lernen, die mit „ganz anderen Techniken und Maschinen gearbeitet haben“.

Warum es wichtig sein kann, solche Erfahrungen im Ausland zu sammeln, weiß Julika Ullrich von der Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk: „Die Azubis können über den Tellerrand schauen, etwas Neues erleben.“ Auch die Betriebe profitieren von den interkulturellen Erfahrungen der Lehrlinge. „Sie kommen motivierter und selbstbewusster zurück, haben ihre Fremdsprachenkenntnisse und sozialen Kompetenzen erweitert.“

Bundesweites Beraternetzwerk

Ullrich ist eine von 26 Mobilitätsberatern der Handwerkskammern, die Austausch-Azubis bei Ihren Praktikumsplänen unterstützen. Die Experten helfen bei der Abstimmung zwischen Unternehmen, Berufsschule, Teilnehmern und Handwerkskammern oder bei der Suche nach geeigneten Partnerunternehmen im Ausland. Durch Info-Abende und aktive Werbung in Berufsschulen und Betrieben machen sie auf Austausch-Programme wie „Leonardo da Vinci“ aufmerksam. „Wenn ein Betrieb einmal am Programm teilgenommen hat, wird der Austausch aufgrund der positiven Erfahrungen oft mit anderen Azubis wiederholt“, berichtet Ullrich.

So wurde auch das Austauschprojekt von Jan Augustin mit den Handwerkskammern Aachen und Mittelfranken sowie Handwerksbetrieben aus Madrid bereits zum zweiten Mal organisiert. Dabei besuchte der Konditor-Azubi zunächst die ortsansässige Berufsschule, um danach die Arbeitsweise im Betrieb kennenzulernen. „Zunächst dachte ich, der Arbeitsalltag dort wäre leichter, aber das genaue Gegenteil war dann der Fall – die Bäcker arbeiten bis zum Geht-nicht-mehr“, erinnert sich Augustin. Er lernte durch seinen Aufenthalt ein anderes Spanien kennen, als er aus seinen Sommerurlauben kannte. Man sei zwar in einer „schwierigen Zeit in Spanien gewesen“, aber die Menschen wollten sich „durch die Wirtschaftskrise auch nicht ihre Lebensfreude nehmen lassen“. Durch viele Kontakte zu Einheimischen verbesserten sich nebenbei noch seine Spanischkenntnisse. „Die sprachliche Hürde war anfangs schon da, aber ich besuchte fachbezogene Sprachkurse und in meiner Gastfamilie musste ich zwangsläufig Spanisch sprechen, um mich zu verständigen.“

Schöne Eindrücke und neue Freunde

Auch Clemens Sander will seine Erfahrungen an der Pariser Oper nicht missen: „Wir haben für das Stück ‚Aida’ das Bühnenbild und die Kulissen gebaut, zum Beispiel den Triumphbogen“, sagt der Junghandwerker. Zudem erhielt er die Möglichkeit, eine Opern-Aufführung als Zuschauer zu erleben. Für das Stück „Julius Cäsar“ hatte er von seinem Betrieb Freikarten bekommen. „Das war auf jeden Fall eine schöne Erfahrung“, erinnert sich Sander.

Einig sind sich die Austausch-Azubis darin, den Auslandsaufenthalt weiter empfehlen zu können: „Die Zeit im Ausland bringt einen in der persönlichen Entwicklung auf jeden Fall weiter“, ist sich Jan Augustin sicher. „In einer unbekannten Situation zu Recht zu kommen und zu merken, dass man das schaffen kann – dafür ist diese Erfahrung Gold wert“. Die tollen Erlebnisse in Paris haben Clemens Sander dazu bewogen, sogar über eine weitere Station im Ausland nachzudenken: „Das hat mir so gut gefallen, dass ich nach meiner Ausbildung vielleicht nochmal ins Ausland gehe“, sagt der Nachwuchs-Tischler. „Neue Eindrücke sammeln und Freunde in anderen Ländern finden – das macht einfach Spaß.“ (www.handwerk.de)

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