„Ohne das Handwerk wären unsere Denkmäler in 100 Jahren verfallen“

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Linda Wadewitz

Ohne das Handwerk wäre kaum ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude betretbar. Über ein Dutzend verschiedener Fachrichtungen des Handwerks setzen sich für die Instandhaltung der deutschen Denkmäler ein. Damit leistet das Handwerk einen unersetzlichen Dienst an unserem gesellschaftlichen Erbe.

Tischlermeisterin und Restauratorin Linda Wadewitz, 32, erklärt im Interview, warum es für unsere Gesellschaft wichtig ist, dass das Handwerk unter anderem Bauwerke, Möbel und Bücher mit viel Liebe zum Detail erhält und restauriert. Sie gibt Einblick in den Alltag eines Restaurators – einer Welt zwischen modernen Computersystemen und jahrhundertealten handwerklichen Fähigkeiten.

Frau Wadewitz, vor rund einem Monat fand der Tag des offenen Denkmals statt. Ist er für Sie als Restauratorin eine Art Feiertag?

Für mich ist diese Art „Tag der offenen Tür“ ein besonderer Arbeitstag. Ein Tag, an dem ich viel dazulerne und mich von den Denkmälern für meine Arbeit inspirieren lasse. Außerdem kann ich mich mit anderen Restauratoren über bestimmte Objekte unterhalten und auch Kontakte zu potenziellen Kunden knüpfen.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Ich arbeite mit vielen anderen Handwerkern an einer Gründerzeit-Villa in Wiesbaden. Wir restaurieren Holzverzierungen, -profilierungen und Gesimse mit Fischschuppenmusterung innerhalb des Hauses sowie die Eingangstür aus Eiche. Bei der Tür war die erste Aufgabe, viele Schichten weißer Farbe zu entfernen, die Generation um Generation darauf gepinselt haben. Ich lege nun die ursprüngliche Holzmaserung und die schönen Verzierungen wieder frei.

Was würde aus den Denkmälern, wenn Handwerker wie Sie sich nicht um ihren Erhalt kümmern würden?

Ohne Maurer, Steinmetze und Tischler? Schon nach wenigen Jahren würden die Denkmäler viel von ihrem Glanz verlieren und nach vielleicht einem Jahrhundert wären sie vollkommen verfallen. Wie schnell es geht, hängt natürlich auch davon ab, wie sehr äußere Umstände – zum Beispiel der saure Regen – an den Denkmälern nagen.

Wie schnell würde der Verfall bei Ihrem Spezialgebiet, den Holzobjekten, fortschreiten?

Holztore oder -türen, die Wind und Wetter ausgesetzt sind, sind selbstverständlich noch empfindlicher als Gemäuer. Sie würden noch schneller verfaulen. Bei Möbeln und Verzierungen innerhalb eines Hauses sind nicht mehr – wie früher – Pilze oder Holzwürmer das Problem. Die modernen Feinde heißen Fußbodenheizung oder zu starke Sonneneinstrahlung.

Was bedeutet der handwerkliche Erhalt von Denkmälern, den Sie leisten, für unsere Gesellschaft?

Ich denke, Denkmäler sind sehr wichtig für unsere Identität, unsere Kultur. Sie zeigen uns, was wir in der Vergangenheit geleistet haben. Sie bewahren auch die Kenntnisse von traditionellen handwerklichen Fähigkeiten, die ansonsten verloren gehen könnten. Heute gehören moderne, computergesteuerte Systeme zum handwerklichen Alltag. Dennoch sollten wir versuchen, das klassische Basiswissen zu erhalten und uns auch immer wieder auf seine Ursprünge besinnen.

Welche Fähigkeiten muss ein Restaurator für sein Handwerk mitbringen?

Man sollte neugierig und geschichtlich interessiert sein, über handwerkliches Können verfügen – und eine gute Portion Geduld mitbringen. Denn bevor es überhaupt mit der eigentlichen Arbeit losgeht, beschäftigt man sich mit den Konstruktionsmerkmalen und der Historie des Objektes: Welche Holzarten, Holzverbindungen und Oberflächenmaterialien wurden benutzt, welche Leime verwendet, welcher Stilepoche ist das Möbel zuzuordnen? Neben den handwerklichen Fähigkeiten des Tischlers benötigt der Restaurator deshalb auch geschichtliches Wissen – bei mir ist dieses Interesse aber auch erst mit der Arbeit gekommen.

Arbeiten Sie mit speziellem Handwerkszeug?

Wir nutzen teilweise noch ganz traditionelles Handwerkszeug und Materialien. Einiges davon findet man in anderen Werkstätten gar nicht mehr – Furnierhammer, Schellack und eine ganze Reihe ungewöhnlicher Leime. Wir haben bei uns zum Beispiel Leim aus Knochen und Sehnen, Hasen- und Fischleim. (www.handwerk.de)

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