„Ohne Handwerk gäbe es keinen modernen Rudersport.“

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Bootsbauer Julian Anastasow

Julian Anastasow, Bootsbauer bei der Empacher Werft, erzählt, welche entscheidende Rolle Handwerker bei der Ruderweltmeisterschaft in Neuseeland spielten, was den Bootsbau mit der Luft- und Raumfahrt verbindet und welche Fähigkeiten man für das Handwerk des Bootsbauers mitbringen sollte.

Herr Anastasow, Sie betreuten bei der Ruder-WM die Boote des Deutschen Ruderverbands (DRV) und anderer Nationen. Was genau waren dort Ihre Aufgaben?

Unsere Hauptaufgabe bestand darin, kleinere Schäden an den Booten zu reparieren: Wir haben Löcher geschlossen, stellten abgebrochene Bugspitzen wieder her, tauschten defekte Flossen und Steuer aus und warteten Rollbahnschienen sowie Rollsitze. Daneben behoben wir aber auch größere Schäden, was auch mal zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen kann. Außerdem pflegten wir die Boote natürlich kontinuierlich. Insbesondere vor den Finals waren wir gefordert – wir polierten sie so richtig auf Hochglanz, um sie noch schneller zu machen.

Wie groß ist der Anteil des Bootes an dem sportlichen Erfolg? Wie viele Sekunden Vorsprung kann das bessere Sportgerät einem Team gegenüber der Konkurrenz verschaffen?

Letztlich entscheidet natürlich die Rudermannschaft selbst über den Erfolg. Aber auch wir Bootsbauer leisten einen wichtigen Beitrag: mit der Entwicklung der Formen, der Verwendung des richtigen Materials – mit exzellentem handwerklichen Bootsbau eben. Ein hochmodernes und perfekt gefertigtes Ruderboot kann schon einmal einen Vorsprung von einer Bootslänge gegenüber einem älteren Modell bringen.

Der Fortschritt beim Ruderbootsbau schreitet schnell voran. Sind die Boote der diesjährigen WM bei der nächsten schon längst veraltet?

Im Rennruderbootsbau werden ständig Fortschritte gemacht. Bestehende Bootsformen werden anhand täglicher Erfahrungswerte laufend verbessert. Einen eigentlichen Höhepunkt findet der Entwicklungs-Zyklus aber bei den Olympischen Spielen, alle vier Jahre also. Daraufhin werden die meisten Innovationen ausgerichtet.

Entstehen die Ideen für neuartige Modelle am klassischen Reißbrett oder am Computer?

Die Idee für ein neues Boot entsteht zunächst aufgrund der Analyse der Ergebnisse der vergangenen Regatten oder Meisterschaften. Dann wird entschieden, welche Bootsklasse in welcher Richtung neu entwickelt wird. Bei uns werden die neuen Prototypen zuerst gezeichnet und anschließend am Computer verfeinert. So können Verdrängung, Längs- und Seitenstabilität jeweils auf wenige Prozent genau berechnet werden. Daneben ist für uns aber auch der persönliche Kontakt mit Athleten und Trainern besonders wichtig. Ihr Feedback fließt immer in die Neuentwicklungen ein.

Der Bootbauer nutzt sowohl hochmoderne Technologien als auch seine handwerklichen Fähigkeiten. Wie würde der moderne Rudersport ohne das Handwerk aussehen?

Ohne das Handwerk würde der moderne Rudersport nicht existieren. Man kann selbst einfache Trainings- und Wanderboote für den Breitensport nicht rein maschinell herstellen. Fast alles ist Handarbeit. Es werden zwar hochmoderne Maschinen eingesetzt, beispielsweise computergesteuerte Oberfräsmaschinen, moderne Spritzkabinen und Temperkammern. Der Großteil eines Ruderboots ist jedoch pures Handwerk.

Materialien spielen für die Geschwindigkeit der Boote eine große Rolle. Wie hat die Einführung von Karbon den Rudersport verändert?

Die moderne Leichtbauweise von Kunststoffbooten hat sich seit Mitte der 70er-Jahre mehr und mehr gegenüber der Holzbauweise durchgesetzt. Die Carbonfaser ermöglicht bei deutlich geringerem Gewicht eine wesentlich höhere Steifigkeit beziehungsweise Festigkeit des Bootes. Dadurch sind die Boote deutlich schneller geworden.

Und über Karbon hinaus: Was sind die innovativsten Materialien, die zurzeit verwandt werden?

Der Aufbau der Bootsschale und anderer Kunststoffteile kommt aus der Luft- und Raumfahrt und ist dementsprechend absolutes Hightech. Neben der Carbonfaser gibt es die sogenannte Aramidfaser und den Wabenkern. Im sogenannten Sandwichaufbau bilden sie gemeinsam die wichtigsten Verbundwerkstoffe.

Hätte eine Mannschaft in einem Holzboot heute überhaupt noch eine Chance bei einem internationalen Wettbewerb?

Nein, auf gar keinen Fall. Auch nicht die beste Mannschaft der Welt.

Wie sieht Ihr Alltag aus, wenn nicht gerade WM ist?

Neben der Weltmeisterschaft besuche ich in der Regattasaison, die von April bis Oktober dauert, ungefähr zwölf weitere internationale Regatten und Weltmeisterschaften. Ansonsten bin ich, wie alle anderen Kollegen auch, in der Produktion tätig.

Welches Talent und welche Kenntnisse sollte ein Bootsbauer mitbringen?

Viel handwerkliches Geschick, gute Materialkenntnis, schnelles Umsetzungsvermögen neuer Ideen und Verarbeitungstechniken. Wer im Außendienst tätig ist und viel Kundenkontakt hat, braucht auch eine gewisse Ausstrahlung und Flexibilität, um langfristig Erfolg zu haben. Außerdem sind Fremdsprachenkenntnisse, zumindest Englisch, heutzutage sicher von Vorteil.

Julian Anastasow, 33, arbeitet seit 10 Jahren bei der Bootswerft Empacher GmbH im baden-württembergischen Eberbach, der weltweit größten Werft für Ruderboote. Er ist Gruppenleiter der Achterproduktion und vertritt seine Firma bei Wettbewerben – zum Beispiel bei der Ruder-WM in Neuseeland.

(www.handwerk.de)

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