Vom Backhaus zum Bierhaus

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Das Gebäude heute: Siegfried Lotze (links) und Josef Schöniger stehen vor der ehemaligen Bäckerei, in der heute das Bierhaus 11 untergebracht ist.

In diesen Tagen jährt sich die Bäckereitradition der Familie Dettmar in Veckerhagen zum 200. Mal. Es war der Familie stets ein Anliegen, den Berufsstand und das Handwerk für die Zukunft zu erhalten.

Bäckermeister Jacob Dettmar (1791 bis 1848) gründete vor 200 Jahren den Betrieb in Veckerhagen an der Brücke. Das war zu der Zeit des Königreichs Westfalen, als er mit seiner Frau Lucie (geb. Ackermann) diesen Schritt riskierte. Sie stammte aus einer Hochöfner-Sippe, die noch bis zum Ende Kurhessens (1866) die gut gehende Zechenwirtschaft in der Eisenhütte Veckerhagen besaß.

Nach Darstellung des Reinhardshäger Historikers Siegfried Lotze haben neuere Forschungen in Kirchenbüchern ergeben, dass auch der Vater Jacob Dettmar senior mit seiner Frau Elisabeth (geb. Döhne) im benachbarten Haus Eichhof 1, direkt an der Mühlenbach-Brücke, Bäckermeister war. Daher auch der uralte Name auf Plattdeutsch: „Brüen-Bäcker“ (Brücken-Bäcker).

Aus der dritten Generation existiert ein Wanderbuch des Johann Jacob Dettmar (1828 bis 1888), der bis Hannover kam, um in verschiedenen Betrieben seine Dienste anbot. Im Revolutionsjahr 1848 übernahm er den elterlichen Betrieb.

In der vierten Generation (dritte am Platz) heiratete der Bäckermeister Johann Heinrich Dettmar (1858-1939) Louise Becker, Tochter des Hütten-Formermeisters. Ihr Bruder Heinrich war Personalchef bei Henschel in Kassel. Dieser Heinrich Becker (1867-1949) war der einst berühmte „Reinhardswald-Becker“, der den Kasselänern einen Reinhardswald-Tourismus nahebrachte. 1889 übernahmen er und seine Frau die Bäckerei.

August Dettmar (1892 bis 1967), diente im Ersten Weltkrieg bei einer Gardeeinheit. Es gibt eine Feldpostkarte aus der hervorgeht, dass er die Feldbäckerei betrieb. 1919 übernahm er den Betrieb in der fünften Generation.

Er nahm dann auch eine Konditorei mit im Unternehmen auf. Im ehemaligen Scheunenanbau eröffnete er 1960 ein Café. Dort herrschte immer reger Besuch, zum einen durch die Sommergäste und zum anderen durch die Dorfjugend. „Bevor wir ins Kino gingen, haben wir uns immer beim groben August, so wurde August Dettmar im Dorf genannt, ein leckeres Kuchenstück oder eine Semmel geholt“, erinnert sich Siegfried Lotze.

Treffpunkt der Jugend

„Die Bäckerei war toll, denn die hatten da eine Musikbox drin. Da war immer was los und da traf sich die ganze Jugend“, ergänzt Josef (Seppel) Schöniger. Und eine Anekdote gibt Edith Dettmar zum besten: Es ging um eine Fünf-DM-Wette, dass einer der Jugendlichen einen lebenden Maikäfer isst - und er tat es.

Friedrich Dettmar war dann der letzte Bäckermeister, der das Familienunternehmen führte. Er bestand 1956 seine Meisterprüfung und war zu der Zeit mit 21 Jahren der jüngste Bäckermeister Nordhessens.

1970 erweiterte er zusammen mit seiner Frau Edith, sie war die gute Seele des Hauses, das Café um einen Gaststättenbetrieb. Aus gesundheitlichen Gründen musste Friedrich Dettmar den Bäckereibetrieb vor 16 Jahren aufgeben. Sohn Frank Dettmar lernte in der siebenten Generation ebenfalls den Bäckerberuf, kann den Beruf aber nicht mehr ausüben, so dass seit einigen Jahren der Backofen nur noch für den Hausgebrauch genutzt wird.

Feierstätte der Fußballer

Der Laden und das Café wurden zu Wohnungen umgebaut, das Gasthaus wird heute noch genutzt. Im „Bierhaus 11“ feiern vor allem die Reinhardshäger Fußballer ihre Siege. (zpy)

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