Zum Spaß am Rad drehen

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Hobbyseiler: Margarete und Bernhard Winter lassen die 175-jährige Tradition der familiären Seilerzunft wieder aus Spaß an der Freude aufleben.

„Ein kräftiger Junge wird zum Raddrehen gegen guten Lohn verlangt.“ Diese Stellenanzeige ließ der Wolfhager Seilermeister Carl Winter am 23. April 1872 im Wolfhager Kreisblatt erscheinen.

Damals betrieb er die im November 1835 von seinem Vater Johann Bernhard Winter eröffnete Seilerei, die in der Landgrafenstraße ansässig war.

Das Traditionsunternehmen, das 1907 an den heutigen Geschäftsstandort Kirchplatz 7 übersiedelte, blickt in diesem Jahr auf sein 175-jähriges Bestehen zurück. Nach Gründer Johann Bernhard und Sohn Carl drehten in dritter Generation August und Heinrich, in vierter Generation Ludwig Winter auf den beiden Wolfhager Reeperbahnen mit Seilgeschirr am Rad der Strang- und Tauschlagmaschinen.

Geschäft wurde erweitert

Neben der Herstellung von Seilen und Tauen wurde das geschäftliche Angebot in den 60er-Jahren durch Korbwaren, Bürsten und Besen erweitert. Dort stand Ludwigs Ehefrau Christine noch bis zu ihrem 92. Lebensjahr hinter der Ladentheke. Seit ihrem Tod im Jahr 2007 ist Tochter Margarete nun verantwortlich, die den Laden im Nebenerwerb dienstags, donnerstags und freitags von 15.15 bis 18 sowie samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet hat.

Meister Ludwig Winter verstarb im Jahr 2003 - und damit endete auch das traditionelle Seilerhandwerk in Wolfhagen. Ausgestorben ist es jedoch nicht gänzlich: Bernhard Winter und seine Schwester Margarete, beide gelernte Banker, erwecken das traditionelle Handwerk wieder zu neuem Leben. Denn sie haben die noch vorhandenen historischen Originalmaschinen restauriert und wieder in Gang gesetzt.

„Früher“, so die Geschwister, „mussten wir natürlich jeden Tag unserem Vater helfen. Wir kennen das Seilermetier also aus dem Effeff.“ Beide wollen die Redensart der Seilerzunft „Rückwärtsgehen ist Vorwärtskommen“ jedoch vorerst nur hobbymäßig verwirklichen - sie erfüllen dabei aber auch gerne Kundenwünsche.

Bevor die Wintersche Seilerei gegründet wurde, gab es in Wolfhagen jedoch schon die Zunft der Seiler. Sie entstand in Hessen unter Landgraf Philipp dem Großmütigen (1504 - 1567) landesweit. Abnehmer fanden die Seiler vor allem in der Landwirtschaft, dem Baugewerbe sowie in der Schifffahrt und dem Hafenbetrieb.

Mit dem Rad gedreht wurden von den „Reepenschlägern“ auch Bindfäden aller Art, Dichtungshanf für Klempner, Wurstgarn für Metzger und Hausschlachtungen, Wäscheleinen, Sport- und Springseile und Taue zum Läuten der Kirchenglocken.

Und auch die Bundeswehr war Kunde: Sie verwendete starke Wintersche Taue bei anfallenden Reparaturen des Kampfpanzers Leopard oder anderer Kettenfahrzeuge zum Herausheben der Motoren. (zih)

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