Die „Steiger“ waren gefürchtet

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Über den Dächern: Mit dem Gesellen Wilfried Sagel (rechts) reinigte Werner Hermenau 1963 als Lehrling Schornsteine an der Bremer Straße in Frankenberg

Mit Anschaulichkeit und viel Humor kann Bezirks-Schornsteinfegermeister Werner Hermenau im Ruhestand, „wo ja kein Telefon mehr klingelt“, schildern, wie sehr sich das Handwerk und das Berufsbild des Schornsteinfegers in fünf Jahrzehnten verändert haben.

Er hat in Frankenberg die Entwicklung der Nachkriegszeit mit Kohle- und Öl-Öfen, ersten Zentralheizungen, Einführung der Immissions-Messtechnik 1973 bis hin zur Energieberatung bei modernster Heiztechnologie miterlebt.

Als Kind einer aus Ostpreußen vertriebenen Familie wurde Hermenau 1946 in Frankenberg geboren. Er ging hier zur Schule und trat 1962 seine Lehre bei Bezirksschornsteinfegermeister Herbert Renner an, der damals mit dem Motorrad seinen Kehrbezirk betreute.

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Handwerk mit Bürgernähe

Sein Geselle Wilfried Sagel, dem Werner Hermenau zugeordnet wurde, verfügte immerhin schon über ein Auto. Die HNA kletterte 1963 mit beiden Schornsteinfegern für eine Foto-Geschichte auf die Dächer in der Neustädter Straße, wo sie mit Stoßbesen, Kugel und Leine die Kamine säuberten. Wie Generationen vor ihm lernte Werner Hermenau in der Handwerksausbildung noch, Kamine von innen mit dem Kehrgerät zu besteigen. „Wir setzten dann die Fegehaube auf, banden das Mundtuch um und kletterten mit dem Stielbesen im Schornstein-Inneren hoch. Dabei klemmten wir uns mit den Ellenbogen fest, setzten die Füße diagonal in die Ecken und waren jedes Mal froh, wenn ein Ofenrohr vorbei kam, in das wir einen Fuß fest stellen konnten“, erzählt Hermenau. „Ziel war, durch den verrußten Schornstein an der kleinen Stelle hoch über uns anzukommen.“

Diese Kamine waren als „Steiger“ gefürchtet. „Allein in der Mühlenstraße in Rennertehausen mussten wir durch sechs ‚Steiger’ klettern“, erinnert sich Meister Hermenau. Als er 1962 in Birkenbringhausen im Haus Bilse zum ersten Mal mit dem Stoßbesen einen Kamin gefegt habe und plötzlich rabenschwarz mit Ruß bedeckt war, entfuhr ihm: „Sch…job - das soll das Schornsteinfegerhandwerk sein?“ Aber er entdeckte auch angenehmere Seiten.

Ab 1963 arbeitete Werner Hermenau beim Frankenberger Schornsteinfegermeister Erwin Gündling, nach seiner eigenen Meisterprüfung übernahm er 1981 den Kehrbezirk 1 in Rhoden. In Fachlehrgängen qualifizierte er sich ständig weiter, etwa zum geprüften Gebäude-Energieberater. Und er erinnert sich gern an das enge, beständige Verhältnis zu den Bürgern früher, als auf den Dörfern noch keine Haustür verschlossen war. „Wir gingen einfach rein und riefen: Der Schornsteinfeger kommt!“, erzählt er.

Der Mann mit dem schwarzen Zylinder war immer ein gern gesehener Gast. „Wir bekamen einen Kaffee angeboten, und wenn gerade frisch geschlachtet war, mussten wir uns mit an den Tisch setzen, Wurstesuppe und Wellfleisch probieren.“ (zve)

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