Handwerk noch weitgehend in Männerhand

Das Handwerk schätzen

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Auswahl: Michaela Deußen führt seit vier Jahren als Optikermeisterin ihr Geschäft in Ziegenhain. Die 40-Jährige wagte den Schritt in die Selbstständigkeit.

Handwerksmeisterin, selbstständig und eine Frau – Michaela Deußen bekam vor zehn Jahren ihren Meisterbrief, seit vier Jahren führt sie ihr eigenes Brillengeschäft in Ziegenhain. Die 40-Jährige wagte den Schritt als selbstständige Handwerksmeisterin, den im Landkreis bislang nur wenige Frauen gehen.

Bundesweit liegt der Anteil von Frauen unter den Existenzgründern bei 24 Prozent. Doch der Weg zum eigenen Geschäft war steinig: Als Mutter einer damals zweijährigen Tochter begann Michaela Deußen 2002 die Meisterschule. Die Tochter brachte sie bei einer Tagesmutter unter: „Das hat richtig viel Geld gekostet“, erzählt die 40-Jährige. Während der Meisterschule bekam sie Meister-Bafög. Warum sie sich für die Fortbildung entschied: „Was ich gelernt habe, kann mir niemand mehr nehmen.“

Augenoptiker ist ein Frauenberuf: Von 23 Schülern waren nur drei Männer. Als Meisterin führte sie zunächst eine Filiale. Doch: „Ob Geselle oder als Meister – was man verdient, ist nicht viel mehr.“

So lag für Michaela Deußen der Schritt in die Selbstständigkeit nah. Nun arbeitet sie mindestens 60 Stunden pro Woche und darf am besten nicht krank werden.

Dennoch sagt sie: „Ich bin zufrieden.“ Ihr Wunsch ist es, einen festen Angestellten beschäftigen zu können, inzwischen stellte sie zwei Aushilfen ein. Ihr Geschäft habe sich gut etabliert.

„Mir fehlt oft die Zeit“, sagt die Loshäuserin. Als Frau sei man stärker durch Haushalt und Kindererziehung belastet als ein Mann, Männer werde oft der Rücken freigehalten. Auch die Problematik, nicht genügend Zeit für Kinder zu haben, kennt sie. „Als Alleinerziehende hätte man keine Chance.“

Gleichberechtigung gibt es für sie im Handwerk. Allerdings seien die Verdienstmöglichkeiten – egal ob Mann oder Frau – nicht gut genug und die Arbeitsbelastung hoch. „Eine Familie kann man davon schwer ernähren“, findet die Optikermeisterin. Die Bedingungen seien schlecht, deshalb würden sich zu wenige junge Leute für einen Handwerksberuf bewerben.

Daran muss sich ihrer Ansicht nach dringend etwas ändern. „Wir brauchen das Handwerk.“ Die Arbeit müsse wieder mehr geschätzt werden.

Hintergrund: Handwerk ist nach wie vor eine Männerdomäne

Das Handwerk im Schwalm-Eder-Kreis wird nach wie vor von Männern dominiert. Dies geht aus Zahlen der Kreishandwerkerschaft hervor. Von 1000 Auszubildenden, die im vergangenen Jahr ihre Lehre begannen, ist nur jede fünfte weiblich. 35 Meisterbriefe vergab die Kreishandwerkerschaft 2013, gerade einmal fünf davon erhielten Frauen.

Die Zahlen sind seit Jahren konstant, weiß Wolfgang Scholz, stellvertretender Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Den Grund dafür sieht er in der persönlichen Lebensplanung wie Kinderwunsch und den einzelnen Interessen. Scholz vertritt aber die Ansicht, dass sich die festgefügten Rollenbilder verändern.

Die meisten Frauen legen im Frisörhandwerk die Meisterausbildung ab. Zudem sind besonders kreative Berufe wie Tischler und Raumausstatter nachgefragt. Selten erlernen junge Mädchen hingegen das Maurer- und Fleischerhandwerk.

Scholz betont dabei: „Eine Frau im Handwerk erstaunt heute keinen mehr.“ Das treffe auch für technische Berufe und Führungspositionen zu. Dieser Trend habe sich seit den 80er- und 90er-Jahren entwickelt. „Frauen gab es im Handwerk schon immer“, sagt Scholz, so wurden und werden Familienbetriebe von Töchtern übernommen oder sie arbeiteten zumindest darin mit.

Die Mehrheit der Frauen wählt dennoch keinen Handwerksberuf. Noch seltener machen sie sich nach dem Erwerb des Meisterbriefs selbstständig. „Es ist immer auch eine Frage des beruflichen Ehrgeizes.“ Das Handwerk wirbt für mehr weiblichen Nachwuchs, auch um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. (von Claudia Schittelkopp)

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