Graveurmeister Sven Neuhaus

Sechs Kilo Familiengeschichte

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Meisterstück: Graveurmeister Sven Neuhaus aus Altwildungen mit seinem Familienbuch.

Die Buchdeckel aus brasilianischem Schafsleder mit Golddruckprägung, die Seiten aus handgeschöpftem Büttenpapier aus Baumwollhadern, in der Mitte eine vergoldete Messingplatte:

Zum Abschluss seiner knapp zweijährigen Ausbildung zum Graveurmeister beim Bundesinnungsverband der Galvaniseure, Graveure und Metallbildner in Düsseldorf hat Sven Neuhaus (41) aus Altwildungen ein außergewöhnliches Meisterstück geschaffen.

Er wurde dafür mit einer glatten Eins belohnt. Neuhaus ist einer von gerade mal sechs Teilnehmern, die Ende vergangenen Jahres bundesweit ihren Meisterbrief erwarben.

Schon während seiner Schulzeit hatte Neuhaus Gelegenheit, in diesen seltenen Handwerksberuf hineinzuschnuppern. Ein Schülerpraktikum führte ihn in der zehnten Klasse der Realschule am Breiten Hagen in die Firma Graviertechnik Plachy in Kassel, die von einem Bekannten seines Vaters geleitet wurde. Sven Neuhaus fand Gefallen an diesem Handwerk. „Es hat riesigen Spaß gemacht, ein unheimlich vielfältiger Beruf.“ 1987 begann er seine Graveurlehre in Kassel.

Vor einigen Jahren entschied sich Neuhaus zur Weiterbildung. „Mein Chef sagte mir damals, ich gehe irgendwann in Rente, dann machst du das weiter“, erinnerte sich Neuhaus. In Frankfurt belegte er einen Studiengang zum Betriebswirt des Handwerks und wechselte nach erfolgreichem Abschluss sofort an die Meisterschule in Düsseldorf. Neuhaus: „Ich habe mir gesagt, ich bin einmal am Lernen, jetzt kann ich auch weitermachen.“

Eine Dozentin an der Düsseldorfer Meisterschule brachte ihn auf die Idee, als Meisterstück ein Familienbuch anzufertigen. „Ich hatte reichlich Unterlagen über unsere Familie und habe mir gesagt da lässt sich was draus machen.“ Da war ihm aber noch nicht bewusst, „was das für eine Heidenarbeit wurde“.

Neuhaus begann zu recherchieren. Keine einfache Aufgabe, reichen Wurzeln der Familie doch bis nach Österreich und Russland. „Ich musste vier Generationen unserer Familie zurückverfolgen,“, sagte er. Eine große Hilfe war ihm dabei Pfarrer a.D. Ernst Friedrich Gallenkamp (Wellen)

Parallel dazu reifte die Planung für das Buch. Es sollte eines werden, „das nicht jeder im Schrank hat“. Nach zwei Monaten stand das Konzept eines „Wendebuches“.

Herzstück ist eines Messingplatte mit der Gravur des Stammbaumes seiner Familie und die seiner Ehefrau Elena. Die Rückseite ist freigeblieben für nachfolgende Generationen. Auf zwei mal 35 Seiten sind die Familiengeschichten dargestellt. Und zwar auf ganz besonderem Papier.

Neuhaus erinnerte sich an eine Fernsehreportage über eine niederösterreichische Papiermühle. Dort wird wie einst im 14. Jahrhundert Papier aus Baumwollhadern hergestellt. „Das ist das Papier für mein Buch“, sagte er sich und nahm Kontakt auf. Den Familien hat er jeweils nach Herkunftsstregion oder -land ein Pflanzenmotiv zugeordnete: Buchenblatt Tannenzweig und Birkenblatt, die sich in so genannter Blindprägung auf den einzelnen Seiten wiederfinden. Auf den beiden Buchdeckeln mit Golddruckprägung sind jeweils vier vergoldete Stellfüße zum Schutz des Leders aufgeschraubt.

Hunderte von Stunden hat die Fertigung von der Forschung bis zur filigranen Handarbeit, von der Herstellung von Folien- und Blindprägewerkzeugen per Hand bis zum Programmieren der computergesteuerten Fräsmaschinen und dem selbst entworfenen Layout gedauert. Stattliche sechs Kilogramm bringt das Meisterstück auf die Waage, das später einmal Tochter Anna-Lena weiterführen soll. (Jörg Schade)

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