Als Mechaniker bei der Tour de France dabei

Zehn Monate im Jahr zieht Jochen Lamadé, Chefmechaniker beim Team Milram, mit den Radsportprofis durch die Welt - von einem legendären Anstieg zum nächsten. Im Interview am Rande der Tour de France spricht er über seinen abwechslungsreichen Arbeitsalltag, technische Innovationen, seinen Traumberuf Zweiradmechaniker und darüber, warum die Tour ohne das Handwerk nicht denkbar wäre.

Herr Lamadé, seit Jahren sind Sie als Zweiradmechaniker im Profiradsport unterwegs – von der Tour Down Under über die Frankreichrundfahrt bis hin zu den Herbstklassikern. Wie haben Sie das geschafft?

Lamadé: Der Radsport war schon immer meine Leidenschaft. Mit 14 Jahren habe ich angefangen, Rennen zu fahren und an meinem Rad herumzuschrauben. Mein Traum war es damals, Profi zu werden. Aber nur ganz wenige schaffen diesen Sprung. Deshalb habe ich meine Leidenschaft auf anderem Weg zum Beruf gemacht. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Zweiradmechaniker habe ich zehn Jahre Praxiserfahrung im Fahrradgeschäft gesammelt und mich dann einfach bei einem Profi-Team beworben – und mir so als Handwerker meinen Traum vom Profiradsport doch noch erfüllt.

Wie sieht Ihr Arbeitstag jetzt, während der Tour, aus?

Wir Mechaniker nehmen bei so einer Rundfahrt viele verschiedene, unverzichtbare Aufgaben wahr. Morgens nach dem Aufstehen bereiten wir zunächst die Räder auf das Rennen vor und bringen sie anschließend auch zur Startlinie. Während einer Tour-Etappe sitzt immer ein Mechaniker im Auto, um bei Defekten sofort zur Stelle zu sein. Andere aus dem Team fahren währenddessen die mobile Werkstatt zum nächsten Zielort. Jeden Tag nach dem Rennen fängt dann für uns die eigentliche Arbeit an.

Wir bereiten das Material nach – das heißt beispielsweise: Räder kontrollieren und Defekte beheben. Unser Beruf erfordert dabei sehr viel Know-how: Wir kennen jede Schraube an den Rädern, die spezifischen Anforderungen jeder Etappe und die individuellen Vorlieben des Fahrers. So schaffen wir im Hintergrund die Voraussetzungen für sportliche Erfolge. Ohne uns wäre die Tour de France also nicht möglich.

Technische Innovationen spielen in Ihrem Beruf eine große Rolle. Die Räder werden immer leichter, steifer – und natürlich schneller: Wie hat sich das Material in den letzten Jahren verändert?

Die Material-Entwicklung ist auf jeden Fall rasant vorangeschritten. Man sieht das beispielsweise, wenn man heutige Räder mit denen aus der Indurain-Ära Anfang der neunziger Jahre vergleicht. Damals wogen die Räder noch zwölf Kilogramm. Jetzt sind wir schon bei einem Gewicht von 6,5 Kilogramm. Komponenten und Laufräder haben sich unheimlich stark weiterentwickelt – und damit auch unsere Arbeit als Mechaniker. Wir stellen uns immer wieder auf technische und regelbedingte Neuerungen ein. Denn wer sich in unserem Handwerk nicht weiterbildet, wird abgehängt.

Hat Karbon den Radsport sehr verändert?

 Ja, das Material ist aus dem Radsport nicht mehr wegzudenken – und hat vieles im wahrsten Sinne des Wortes leichter gemacht. Mittlerweile wurde die Gewichtsentwicklung aber von dem internationalen Radsportverband UCI gebremst und ein Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm festgelegt. Das sorgt für Sicherheit und Stabilität – und ist besonders wichtig, wenn die Jungs mit 80 Stundenkilometern den Berg herunterrasen.

Was sind die wichtigsten technischen Weiterentwicklungen, die Sie in den letzten Jahren im Radsport beobachten konnten – vom Gewicht einmal abgesehen?

Der Pannenschutz der Reifen ist beispielsweise immer besser geworden. Beim Schaltsystem hat die Elektronik Einzug gehalten, was Verschleiß und Reibung minimiert. Und die Profiräder haben heute mehr Gänge. Mittlerweile haben die meisten 20 Gänge – zwei Kettenblätter vorne und zehn Ritzel hinten –, um den Fahrern eine große Bandbreite zu bieten. Interessant ist dabei: Viele dieser technischen Innovationen werden von uns Mechanikern ausgetüftelt und entwickelt. Wir kennen die Anforderungen der Sportler an ihr Fahrrad einfach am besten.

Wie geht die Saison für Sie und das Team Milram weiter?

Noch hat natürlich die Tour oberste Priorität. Aber es kommen auch noch einige andere ProTour-Rennen, bei denen wir gute Ergebnisse erreichen wollen. Die Polen-Rundfahrt steht vor der Tür. Und vor allem die Cyclassics in Hamburg sind für uns sehr wichtig. Da wollen wir als deutsches Team vor den eigenen Fans natürlich gut abschneiden. Die Chancen stehen nicht schlecht: Im letzten Jahr kam Gerald Ciolek auf den dritten Platz. Das Rennen liegt ihm.

Ist Zweiradmechaniker immer noch ein Traumberuf für Sie?

Ja, und ich kann jungen Menschen nur empfehlen, die Ausbildung zum Fahrradmechaniker zu machen. Fahrradfahren im Allgemeinen und der Radsport im Speziellen haben mittlerweile in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert– egal, ob es dabei um Freizeitspaß, Sport oder Fortbewegung geht. Entsprechend groß ist daher auch die Bedeutung meines Berufes: Es gibt einen riesigen Bedarf an Mechanikern in den Fahrradgeschäften, um die anfallenden Reparaturen und Wartungsarbeiten auszuführen. Junge Leute können sich mit einer solchen handwerklichen Ausbildung aber auch selbstständig machen. Ich denke daher, dass in diesem Handwerk Zukunft steckt.

(www.handwerk.de)

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.