Willinger Glasmanufaktur: Unikate von Meisterhand

Kleine Flammen schlagen aus dem Schmelzofen der Willinger Glasmanufaktur. Etwa 1220 Grad heiß ist die Arbeitstemperatur des Ofens. Keine leichten Arbeitsbedingungen für Axel Pautz.

Der Glasmacher arbeitet seit 2004 in der Manufaktur von Familie Vogtland. „Ich brauche keine Sauna“, sagt der 50-Jährige und lacht. Trotz der Hitze und der körperlich anstrengenden Arbeit hat Pautz seine Berufswahl nie bereut. „Eigentlich wollte ich etwas in Richtung Formgestaltung beziehungsweise Architektur studieren, aber für die Schulen, an denen ich das hätte machen können, musste man vorher einen Beruf erlernt haben.“

Über den Schwarzwald nach Willingen

Und das hat der an der Ostsee geborene heutige Glasmacher dann auch getan. Über die DDR und den Schwarzwald kam er schließlich 2004 nach Willingen.

Mit einer Glasmacherpfeife, einem etwa 150 Zentimeter langen Eisenrohr mit Mundstück und wärmeisoliertem Griff, holt Pautz flüssiges farbloses Glas aus dem Ofen. Vor Hitze rot glühend hängt das Material an seinem Werkzeug. „Man muss ein Gefühl für Farben und Formen haben und geduldig sein.“ Dann bläst der 50-Jährige langsam in das Mundstück der Glasmacherpfeife. Das zähflüssige Glas am Ende des Stabes bläst sich langsam zu einer Kugel auf.

„In einer Fabrik bekommt man eine Form vorgegeben. Hier kann ich selbst kreativ sein.“ In der Willinger Glasmanufaktur ist im wahrsten Sinne des Wortes Handarbeit gefragt. Grund: Hier wird ohne Formen und Waagen gearbeitet.

„Mit dem Willen allein ist es nicht getan. Man merkt schon beim Machen, ob es klappt“, und geklappt hat es bei dem Glasmacher bisher eigentlich immer. „Nur meine erste Schale war nichts. Da hat meine damalige Chefin gesagt, dass wir keine Müsli-Becher verkaufen“, sagt Pautz. Das habe ihn damals schon ziemlich gewurmt.

Temperatur muss konstant bleiben

Damit jetzt aber aus dem heißen Glas später eine Schale wird, wälzt Axel Pautz die heiße Kugel in rotem Pulver. Das feine Glasmehl bleibt an dem noch heißen Glas kleben. Wieder im Ofen schmilzt es und die spätere Schale bekommt Farbe. Immer wieder bläst der Glasmacher dann vorsichtig durch die Pfeife, damit der Klumpen zu einer Kugel wächst und hält den glühenden Artikel wieder in den Ofen.

„Es ist wichtig, dass die Temperatur konstant gehalten wird. Kühlt das Glas zu schnell ab, platzt es.“ Als die Schale fast fertig ist, schlägt Pautz das heiße Glas von der Glasmacherpfeife ab. „Jetzt kommt das Stück für etwa zwölf Stunden in den Temperofen, in dem es bei etwa 500 Grad langsam runtergekühlt wird.“ Dann müssen nur noch die Kanten abgeschliffen werden und fertig ist ein weiteres Unikat.

Hintergrund

Seit 1994 gibt es die Glasmanufaktur in Willingen. Drei Glasmacher arbeiten dort in einer Sieben-Tage-Woche. Insgesamt besuchen circa 25 000 Besucher jährlich die Manufaktur. Besonders gut gekauft werden Liegevasen und kleine Glastiere wie Vögel. Die Willinger Glashütte bietet 45-minütige Vorführungen, in denen die Glasbläser zeigen, wie aus heißen Glasklumpen Formen und Gegenstände geblasen werden sowie welches handwerkliche Geschick erforderlich ist. Die Besichtigung der Glasbläserei kostet einen Euro pro Person. Termine können individuell vereinbart werden. Gruppen ab zehn Personen werden gebeten, sich telefonisch (0 56 32/98 55 15) anzumelden. Von April bis Oktober ist die Glasmanufaktur montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags und sonntags von 10 bis 14 Uhr geöffnet. (jmo)

www.glasmanufaktur-willingen.de

Rubriklistenbild: © Foto: Mohr

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