Geographische Lage ermöglicht Speicherung – Ohne Netzausbau stockt die Ausbeute der erneuerbaren Energie

Hessen kann Strom-Drehkreuz werden

Reinhold Wurster,

Kassel. „Wenn erneuerbare Energie Vorrang vor konventioneller haben soll, wird sie konventionelle Energieerzeuger wie Kohle, Gas und Atom bis 2020 zunehmend verdrängen“, sagt Kurt Rohrig. Er leitet beim Kasseler Fraunhofer Institut Iwes den Bereich Energiewirtschaft und Netzbetrieb.

Damit dieses Szenario eintritt, das Rohrig am Mittwoch auf dem Brennstoffzellenforum Hessen in Kassel skizzierte, muss die Infrastruktur der Netze für eine grenzübergreifende Stromverteilung ausgebaut und der Überschuss aus regenerativer Energie gespeichert werden. So könnte Deutschland von Spaniens Sonnenenergie profitieren und Nordseewind Bayerns Industrie auf Touren bringen. Steuerbar würde dies mit einer permanenten Überwachung der Leitungsnetze. Doch bislang ist dies Zukunftsmusik, denn das bestehende Stromnetz sei nicht dafür ausgelegt. Gelingt der grenzüberschreitende Ausgleich nicht, müsse der Überschuss an erneuerbarem Strom gespeichert werden. Die Möglichkeiten sind begrenzt: Pumpspeicherwerke für große Strommengen gebe es nur wenige.

Generell ist Strom zu speichern ein teures Geschäft: Denn dafür muss elektrische Energie in eine andere Energieform gewandelt und wieder zurückgewonnen werden, was Verluste mit sich bringt. Stromspeicherung mittels Wasserstoff in Kavernen (Höhlen) wäre zwar über Monate möglich, hätte aber nur einen Wirkungsgrad von 40 Prozent, sagte Reinhold Wurster von der Ludwig Bölkow Systemtechnik, einem unabhängigen Technologie- und Strategieberater für die Themen Energie, Mobilität und Nachhaltigkeit aus Ottobrunn bei München.

Die Kosten lägen zwischen acht und 24 Cent pro Kilowattstunde. Pumpspeicherkraftwerke seien zwar günstiger – drei bis elf Cent –, aber sie eignen sich nur als Minuten- und Stundenspeicher.

Dennoch hat Nordhessen aufgrund seiner Lage eine Chance zum Energie-Drehkreuz für Solarstrom aus Südeuropa und Windenergie aus dem Norden zu werden, prognostiziert Wurster. Denn mit Kavernen in Reckrod bei Bad Hersfeld, sei Hessen das südlichste Bundesland mit Salzformationen, die sich als Wasserstoffspeicher eignen würden. Ohne Speichermöglichkeiten „ist die Rückverstromung von Wasserstoff vor 2030 nicht wirtschaftlich“.

Steigt der Anteil an erneuerbarem Strom in Hessen, erfordere dies ein intelligentes Lastmanagement der Netze. Das heißt, Strom-Spitzen müssen abgefangen werden, billiger Strom – wenn die Nachfrage im Laufe des Tages sinkt – könnte genutzt werden, um Verbrauchern günstigen Haushaltsstrom anzubieten.

Wasserstoff wäre auch für die Auto-Industrie interessant. Denn: „Brennstoffzellen-Fahrzeuge sind heute die einzige realistische Alternative zur Elektrifizierung der Langstreckenmobilität“, sagt Prof. Jürgen Leohold, Leiter Konzernforschung Volkswagen. Langfristig sieht er „keine vollständige Substitution der fossilen und flüssigen Kraftstoffe im Automobilsektor“. Eine industrielle Reife der Brennstoffzelle erwartet er nicht vor 2020. Aber: Das Nebeneinander von Lang- und Kurzstrecken-Elektroantrieben wird zunehmen.

Seit 2008 fährt der VW-Tiguan HyMotion mit Druckwasserstoff. 3,2 Kilogramm reichen für 250 Kilometer. Aber wie bei der Elektromobilität fehlt es bislang an der Infrastruktur.

Von Martina Wewetzer

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