Menschenkette gegen Strom-Konverter

Hier stößt die Energiewende auf Protest

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Eine Menschenkette Anfang März

Meerbusch - Meerbusch bei Düsseldorf ist die Millionärs-Hochburg von NRW. Ausgerechnet hier soll eine der drei geplanten neuen Strom-Autobahnen für die Energiewende verlaufen. Widerstand hat sich formiert.

„14 Fußballfelder groß ist die Fläche für die Anlage - das ist so weit, wie sie hier gucken können“, sagt Astrid Linn und deutet über ein Feld, auf dem bisher nur ein paar Tannenbaumzöglinge stehen. Der geplante Großkonverter für eine neue Gleichstrom-Höchstspannungsleitung hat die Anwohnerin aus Meerbusch-Osterath bei Düsseldorf auf die Barrikaden getrieben - und mit ihr große Teile der Stadt. Eines der wichtigsten Leitungsprojekte der deutschen Energiewende, die Stromautobahn im Westen von Emden bis Philippsburg in Baden-Württemberg, spürt damit an einer empfindlichen Stelle den vollen Gegenwind des Bürgerzorns.

Nur einige hundert Meter neben dem potenziellen Standort wohnen Osterather in kleinen Einfamilienhäusern. Auch Astrid Linn zählt zur unmittelbaren Nachbarschaft. „Kein Konverter“-Plakate hängen hier fast an jedem Haus. „So nah an die Wohnbebauung gehört keine Industrieanlage“, sagt der Meerbuscher Bürgermeister Dieter Spindler, ein CDU-Mann mit gepflegtem Anzug und blütenweißem Hemd, der sonst gewiss nicht wie ein Straßenkämpfer wirkt. „Wenn ich hier ein Gewerbegebiet beantragt hätte, hätte mich die Bezirksregierung für verrückt erklärt.“

Drei große neue Stromautobahnen in Nord-Süd-Richtung sieht der Netzentwicklungsplan vor, der vor der Verabschiedung im Bundestag steht. Die Westleitung dürfte derzeit wohl die wichtigste der drei sein. Sie soll nämlich nicht nur die künftigen Windstromparks in der Nordsee mit dem stromarmen Süden verbinden. Durch die Leitungen soll über Jahre auch Kohlestrom aus dem Rheinischen Braunkohlerevier nach Süden fließen - bis die Erneuerbaren und die bundesweiten Netze so weit sind, aus eigener Kraft eine sichere Versorgung Süddeutschlands zu garantieren. Deshalb ist ein Anschlusspunkt in NRW nötig.

Die Leitung müsse unbedingt pünktlich fertig werde. Sonst drohten in Baden-Württemberg Versorgungsprobleme, wenn Ende 2019 das Kernkraftwerk Philippsburg plangemäß vom Netz geht, sagt Marian Rappl, der Sprecher des Netzbetreibers Amprion, der die Anlage bauen will.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

Kanzlerin Angela Merkel  macht die Energiewende stärker zur Chefsache. Doch noch zeigen sich vielen offenen Fragen, die dringend geklärt werden müssen, damit der Atomausstieg auch klappt. © dpa
ÖKOSTROM BOOMT: Bei der Produktion von Wind- und Solarenergie purzeln die Rekorde. Von Januar bis April gab es beim Windstrom ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten 2011. Bei der Solarenergie waren es sogar 30 Prozent mehr: Der Ökoenergieanteil am Strommix liegt bereits bei rund 20 Prozent. © dpa
Doch während überall neue Wind- und Solarparks entstehen, kommen die Netze an ihre Grenzen. Wenn viel Geld für die Förderung ausgegeben wird, die Anlagen dann aber mangels Netzen abgeschaltet werden müssen, sei das volkswirtschaftlicher Unsinn, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Es fehlt bisher der Schlüssel für die Speicherung überschüssigen Stroms. © dapd
NETZAUSBAU LAHMT: Rund 4500 Kilometer an neuen Höchstspannungsleitungen fehlen, dazu zehntausende Kilometer an Verteilnetzen, über die der meiste Ökostrom transportiert wird. Die Netzbetreiber müssen sich verstärkt vorhalten lassen, nicht genug zu investieren und so die Energiewende zu torpedieren. Hier ist die Politik gefragt. © dpa
Vor allem müssen wegen der Anschlussprobleme des Betreibers Tennet rasch Lösungen gefunden werden, damit die extrem teuren Windparks in der Nordsee ihren Strom auch wegbekommen. © dpa
KRAFTWERKE FEHLEN: Wenn tatsächlich bis 2022 die restlichen neun Atommeiler vom Netz sollen, müssen neue Kraftwerke mit einer Leistung von mindestens 10 000 Megawatt her. Das sollen vor allem hochmoderne Gaskraftwerke und weniger klimaschädliche Kohlemeiler sein. Die bisherigen Atomländer Bayern und Baden-Württemberg wollen so nicht zu abhängig von Windstrom aus dem Norden und Osten werden. © dpa
Und man braucht sie, wenn kein Wind weht und es Nacht ist. Aber angesichts des Ökostromwachstums fehlt eine Garantie für genug Betriebsstunden. Daher wird ein eigener Strommarkt für solche konventionellen Kraftwerke erwogen, damit sie eine Absatzgarantie haben. © dpa
KOSTEN DROHEN AUSZUUFERN: Ob bei Netzkosten, Ökoenergieförderung oder möglichen Zuschüssen für neue Kraftwerke - die Energiewende dürfte viel teurer werden als gedacht. Das Energiesparen wird aber vernachlässigt. Zudem fehlen wegen eines Preisverfalls im Handel mit EU-Verschmutzungsrechten in den nächsten Jahren bis zu fünf Milliarden Euro. © dpa
Hier ist die Regierung gefragt, mittelfristige Kostenprognosen zu erstellen. Sonst drohen bei den Strompreisen starke Steigerungen und ein Verlust der Akzeptanz. Die Industrie warnt bereits vor einer Deindustrialisierung. Erwogen wird daher eine Senkung der Stromsteuer. Oder der Staat könnte stärker mit Milliardenzuschüssen eingreifen, wird gefordert. © dpa
KOORDINATION FEHLT: Das Mammutprojekt muss dringend zentral und übergreifend koordiniert werden, weil alles miteinander zusammenhängt. Mit einem Masterplan, der über Jahre reicht, könnte auch Investitionssicherheit hergestellt werden. Jedes Bundesland hat bisher ein Energiekonzept, hinzu kommen Hunderte kommunale Pläne. Der Bund muss stärker regeln, dass der Ausbau erneuerbarer Energien auf die Netze abgestimmt wird. © dpa

Meerbusch-Osterath ist seit fast 100 Jahren ein Knotenpunkt im Stromnetz und hat schon jetzt ein großes Umspannwerk. Deshalb war der Blick der Planer für einen „Netzverknüpfungspunkt“ auf die 55 000-Einwohner-Stadt gefallen. Doch Meerbusch ist bereits stark belastet: Die Stadt liegt in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafen, ist von drei Autobahnen umzogen und mitten durch Osterath verläuft eine Bahnlinie, auf der laute Güterzüge fahren. Den Protest hat der Netzbetreiber völlig unterschätzt. Von den bundesweit rund 3300 Bürgereinwendungen gegen den Strom-Netzplan kamen allein 2300 aus Osterath. „Einen so massiven Widerstand haben wir noch bei keinem Leitungsprojekt erlebt“, sagt Rappl. Anfang März gab es rund um den möglichen Standort des Konverters, der den Strom für den Transport von Wechsel- in Gleichstrom umwandeln soll, eine Menschenkette mit rund 2000 Teilnehmern. Die Stadt und der Kreis laufen über Parteigrenzen hinweg Sturm gegen die rund 300 Millionen Euro teure Anlage.

Mit der Umwandlung in Gleichstrom wollen die Techniker Transportverluste auf der langen Strecke verringern. Doch der Prozess ist aufwendig. Amprion rechnet mit einem 100 000 Quadratmeter großen Gelände - das sind die 14 Fußballfelder - und einer rund 20 000 Quadratmeter großen und bis zu 20 Meter hohen Industriehalle. Strahlungsfragen seien bei der Kapazität von 2 Gigawatt - so viel wie zwei große Atomkraftwerke - genauso ungeklärt wie die Sicherheit gegen Unfälle, Brände oder auch Anschläge, sagen Kritiker.

Trotz solcher offener Fragen habe Amprion Proteste mit der Bemerkung weggewischt, die Anlage sei „alternativlos“. Inzwischen spricht Amprion nicht mehr von Alternativlosigkeit und wirbt selbst dafür, in einem größeren Umkreis auch Alternativstandorte zu untersuchen. Die genaue Standortprüfung beginne sowieso erst nach der Verabschiedung des Bundesbedarfsplans, betont der Amprion-Sprecher. Geprüft würden dabei zahlreiche Standorte. Osterath sei zwar technisch am geeignetsten, stehe aber als Standort keineswegs fest.

Doch in diesem Punkt glaubt die Bürgerinitiative Amprion kein Wort. Die Kritiker und die Stadt Meerbusch haben schon eine Düsseldorfer Anwaltskanzlei eingeschaltet, die das Projekt unter die Lupe nimmt. Detailveränderungen wie ein „Einbuddeln“ der Anlage um einige Meter, um sie kleiner wirken zu lassen, oder eine Verschiebung auf dem Feld um einige hundert Meter weg von den Häusern brächten nichts, sagt Bürgermeister Spindler. „Der ganze Standort muss weg - die Akzeptanz für den Konverter ist in Meerbusch Null.“

dpa

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