Berufliche Risiken der Steuerberatung: „Hinterziehung ist ziemlich verbreitet“

Kassel. Am Donnerstag treffen sich die Steuerberaterverbände aus Hessen und Thüringen zu ihrer Herbsttagung in Kassel. Ein Thema ist die Abgrenzung zur Illegalität bei möglichen Steuerhinterziehungsfällen. Darüber sprachen wir mit Fachanwältin Alexandra Mack.

Natürlich sind Steuerberater wie alle anderen Berufsgruppen auch zu 99,9 Prozent gesetzestreu. Aber hin und wieder setzen sie sich im Interesse ihrer Mandanten unbewusst strafrechtlichen Risiken aus. Wo liegen die größten Gefahren? 

Alexandra Mack: Das Wort unbewusst trifft es gut. Denn es war und es ist so: Steuerhinterziehung ist, wenn man auch alle kleinen Delikte zusammenzählt, noch immer ziemlich verbreitet. Der Steuerberater ist schon dann objektiv Gehilfe eines Steuerhinterzieher-Mandanten, wenn er nur an dessen Steuererklärung mitgewirkt hat. Aber: Er weiß es nicht, er ist ja auf die Angaben des Mandanten angewiesen.

Ein Beispiel bitte. 

Mack: Nehmen wir eine Pommesbude. Die Unterlagen werden dem Steuerberater eingereicht. Er bekommt die Umsatzzahlen, die Gewinne, alle Ergebnisse vom Mandanten vorgelegt. Er vergleicht diese Zahlen mit den ihm vorliegenden Richtsätzen. Was macht er, wenn er feststellt, dass die Mandantenzahlen von den Richtsätzen sehr stark abweichen? Er wird rückfragen: Ist alles korrekt? Und wenn der Mandant das bejaht, dann wird der Steuerberater auf dieser Basis die Steuererklärung vorbereiten.

Aber er kann auch lenkend eingreifen. 

Mack: Es gibt natürlich Steuerberater, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dem Mandanten ins Gewissen zu reden und die nachfragen, ob nicht doch noch etwas zu korrigieren sei. Wenn der Mandant ihm dann in die Augen blickt und sagt, alles sei korrekt, dann haben wir Fälle, in denen die Steuererklärung objektiv falsch ist, der Berater aber nicht schuldhaft handelt.

Wie können sich Steuerberater vor dem unbeabsichtigten Schritt in die Illegalität schützen? 

Mack: Die Frage ist, ob er sich schützen will. Bei meiner anwaltlichen Tätigkeit für Steuerberater in Strafverfahren habe ich festgestellt, dass jeder Berater seinen bestimmten Mandantentypus hat. Es gibt Mandanten, die sehr korrekt sind, und jene, die es eher schludern lassen. Es steht jedem einzelnen Steuerberater frei zu sagen, ob er das Mandat weiterführt oder niederlegt.

Gibt es eine Pflicht zur Mitwirkung des Steuerberaters bei einem Ermittlungsverfahren? Oder ist die Verschwiegenheitspflicht eine Art Aussageverweigerungsrecht? 

Mack: Er hat sogar eine Aussageverweigerungspflicht. Es gilt für Steuerberater wie auch für uns Rechtsanwälte: Wir dürfen nicht aussagen. Und es ist uns auch verboten, Unterlagen von Mandanten der Staatsanwaltschaft oder der Steuerfahndung herauszugeben. Nur wenn der Mandant seinen Berater von der Verschwiegenheitspflicht entbindet, darf er aussagen.

Das Instrument der Selbstanzeige - lohnt sich das noch im Hinblick auf Straffreiheit? 

Mack: Positiv: Es gibt die Selbstanzeige immer noch. Und sie wird auch genutzt. Aber seltener. Die Fälle der verdeckten Auslandskonten machten den Hauptboom der Selbstanzeigen in den letzten Jahren aus. Mit dem Auftauchen der Steuer-CDs wurden in großem Umfang Selbstanzeigen abgegeben. Doch diese Zeit ist vorbei. Es gibt jetzt internationale Meldepflichten, das Bankgeheimnis ist auch im Ausland so gut wie abgeschafft, und schwarze Konten sind längst weiß gemacht worden. Für den Mandanten, der sie heute noch nutzt, gilt jetzt: Die Selbstanzeige ist teurer geworden. Statt für fünf muss er für zehn Jahre Steuern nachentrichten, die Selbstanzeige muss vollständig sein, und er muss zusätzlich Zinsen und Strafzuschläge zahlen.

Die Herbstfachtagung der Steuerberaterverbände Hessen und Thüringen findet am Donnerstag, 22. September, in Kassel statt. Tagungsort Hotel La Strada, Beginn: 9 Uhr.

Zur Person

Alexandra Mack (59) ist Fachanwältin für Steuerrecht in der Kölner Kanzlei Streck, Mack, Schwedhelm. Die Kanzlei hat auch Büros in Berlin und München. Mack ist verheiratet.

Rubriklistenbild: © dpa

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