Kasseler Mercedes-Benz-Chef Holger Steindorf sieht den Standort gesichert – Wieder genug Arbeit für Stammbelegschaft

Kasseler Mercedes-Benz-Chef sieht den Standort  gesichert

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Kasseler Mercedes-Benz-Chef Holger Steindorf sieht den Standort Kassel gesichert

Kassel. Das Lkw-Achsenwerk von Mercedes-Benz in Kassel, das aus der Lastwagen-Sparte von Henschel entstanden ist, feiert sein 40-jähriges Bestehen. Wie es um dessen Zukunft bestellt ist, sagt der Chef der weltweiten Nutzfahrzeug-Getriebe- und Achsaktivitäten des Daimler-Konzerns, Dr. Holger Steindorf, im Interview.

Herr Dr. Steindorf, seit 40 Jahren produziert Daimler in Kassel. Wo steht das Lkw- und Transporterachsenwerk und wie sieht die Zukunft aus?

Holger Steindorf: Das Mercedes-Benz-Werk in Kassel ist das größte Nutzfahrzeugachsenwerk in Europa. Und das soll so bleiben. Der Standort ist das Leitwerk im Konzern-Produktionsverbund Nutzfahrzeugachsen. Wir bedienen die Lkw-Werke in Europa, liefern aber auch Teile nach China und Japan sowie in die USA. Wichtig für den Erfolg ist eine qualifizierte und engagierte Belegschaft. Und die haben wir in Kassel. Sie hat in der Vergangenheit immer mitgezogen und wird dem Standort auch künftig zum Erfolg verhelfen.

In der nächsten Woche läuft die Kurzarbeit aus. Kehrt dann wieder Normalität ein?

Steindorf: Normalität ist relativ: Die Vorkrisenzeit war auch nicht normal. Da hatten wir soviel zu tun wie noch nie zuvor. Und dann brach die Krise mit massiven Auftragseinbrüchen über uns herein. Wir haben innerhalb von zwei Jahren das höchste Hoch und das tiefste Tief aller Zeiten erlebt. Jetzt kehren wir mit der Stammbelegschaft, die wir übrigens komplett an Bord gehalten haben, zur Vollbeschäftigung zurück.

Wird es in absehbarer Zeit neue Stellen geben? Steindorf : Das sehe ich derzeit noch nicht. Vorrang hat jetzt das Auffüllen der Arbeitszeitkonten, die in der Krise abgebaut wurden und zum Teil ins Minus gerutscht sind. Das muss jetzt erst einmal ausgeglichen werden.

Sie haben die fast eineinhalbjährige Kurzarbeitsphase genutzt, um Prozesse zu optimieren. Führt das nicht zu einem personellen Überhang?

Steindorf: Nein. Durch die Belieferung innerhalb unseres globalen Produktionsverbunds läuft es wieder sehr gut, so dass wir die Chance haben, zusätzliche Aufträge zu bekommen. Damit gleichen wir den erwarteten Produktivitätszuwachs aus.

Gleichzeitig haben Sie ihre Mitarbeiter qualifiziert. Wie wurde dieses Programm angenommen?

Steindorf: Sehr gut. Wir haben 195 Maßnahmen angeboten und mit 2400 Teilnahmen (einschließlich Doppelteilnehmern) im Konzern eine der höchsten Beteiligungsquoten gehabt.

Sie haben ja eine Reihe neuer Produkte in Vorbereitung - unter anderem die neue Achse für schwere Lkw, die helfen wird, Sprit zu sparen und den CO2-Ausstoß zu senken. Wann kommt sie?

Steindorf: Das kann ich noch nicht genau sagen. Der Produktionsanlauf wird erst in den nächsten Jahren und schrittweise mit der Ablösung der jetzigen Achse erfolgen.

Welche Investitionen sind derzeit geplant?

Steindorf: Nachdem wir 2009 krisenbedingt „nur“ 20 Millionen Euro investiert haben, soll es in diesem Jahr doppelt soviel werden.

Wohin fließt das Geld?

Steindorf: Vor allem in die Fertigung der neuen Achse, in die weitere Optimierung der Werklogistik, in die Lackieranlagen, die wir aus Umweltgründen auf wasserlösliche Lacke umstellen, und natürlich in die betriebseigene Kindertagesstätte „Sternchen“, die im September eröffnet wird. Das alles sichert das Werk mit seiner einzigartigen Achskompetenz. Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal im Konzern und darüber hinaus. In Summe ist dies ein klares Bekenntnis zum Standort Kassel und seinen engagierten Beschäftigten. Ihnen und auch der Region gilt mein Dank

Zur Person

Dr. Holger Steindorf verantwortet im Daimler-Konzern weltweit den Bereich Getriebe und Achsen für Lkw und Transporter. Die Sparte beschäftigt 13 000 Mitarbeiter, davon 3000 im Achsenleitwerk in Kassel. Der 52-jährige stammt aus Herborn im Lahn-Dill-Kreis.

 Er studierte Maschinenbau an der TU Darmstadt. 1991 kam zu Daimler, wo er nach mehreren Aufgaben in leitender Funktion, 2006 auf seinen heutigen Posten wechselte. Steindorf ist vater zweier Söhne und ein begeisterter Sport- und Segelflieger.

Chronologie: 15 Millionen Achsen seit 1980

Henschel: Das heutige Mercedes-Benz-Achsenwerk des Daimler-Konzerns in Kassel ist aus dem Lkw-Bau von Henschel hervorgegangen, der 1925 begann.

Kriegsjahre: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk fast vollständig zerstört. 1945 erhielten die Henschelaner die Genehmigung zur Reparatur von Loks und Bussen.

Neustart: 1949 wurde die Lastwagen-Produktion wieder aufgenommen. Nach dem Rückzug der Familie Henschel aus dem Unternehmen fiel die Sparte 1964 an den Rheinstahl-Konzern, der fünf Jahre später mit Daimler das Gemeinschaftsunternehmen Hanomag-Henschel GmbH gründete.

1970 übernahmen die Stuttgarter den Kasseler Lkw-Bauer ganz und produzierten zunächst unter dem Henschel-Stern Lkw in Kassel. In den folgenden Jahren wurden immer mehr Teile und Aggregate von Mercedes-Benz in die Fahrzeuge gebaut.

Komplettübernahme: 1980 wurde die Fahrzeugfertigung aufgegeben. Das Werk, das bis dahin 110 000 Lkw der Marke Henschel sowie 50 000 der Marke Mercedes-Benz ausgeliefert hatte, spezialisierte sich auf Achsen. Seitdem wurden davon 15 Mio. produziert. (jop)

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