Göttingen: 150 Jahre in der Messtechnik

Familienunternehmen Mahr: Immer mit dem richtigen Maß

+
Im Wandel der Zeit

  Göttingen. Dass die Zeichen der Zeit auf Genauigkeit standen, erkannte Carl Mahr, als er 1861 in Esslingen am Neckar das gleichnamige Unternehmen für Fertigungsmesstechnik gründete. Den Ausschlag gaben damals die mit der Industrialisierung gestiegenen Ansprüche in der Maschinenfertigung.

Die ersten Schieblehren von Carl Mahr waren noch mit mehreren Skalen für unterschiedliche Maße ausgestattet. Grund: Erst nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde der Meter eingeführt. „Mein Ururgroßvater war ein Tüftler. Er hatte eine Idee, und hat dann immer weiter probiert“, sagt Stephan Gais, Vorsitzender des Unternehmens.

Bedarf gestiegen

Hergestellt wurden zunächst einfache Geräte wie Messschieber und Mikrometerschrauben. Als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien und Deutschland das Eisenbahnnetz entwickelte, wuchs auch der Bedarf an Messgeräten. Ein Durchbruch gelang mit den ersten mechanischen Längenmessmaschinen im Jahr 1908. Diese erreichten Genauigkeiten von bis zu 1/1 000 Millimeter. „So genaue Messungen waren damals wichtig, damit der Gleisabstand zwischen beiden Strängen genau gleich war“, erklärt Gais. Heute wird bis auf Millionstel Millimeter genau gemessen.

„Als wir dann festgestellt haben, dass wir den Markt von Esslingen aus nicht ganz bedienen konnten und aus logistischen Gründen 1936 in Göttingen erweitert haben, war das schon ein Meilenstein für uns.“ Dort gründete der Hersteller für Feinmesstechnik die Firma Feinprüf GmbH. „Wir haben ganze Familien und Facharbeiter aus Esslingen nach Göttingen umgesiedelt und für sie Wohnungen gebaut.“

Göttinger Feinmesstechnik-Unternehmen Mahr feiert 150-jähriges Bestehen

Mahr zog nach Göttingen und die ganze Welt schien enger zusammenzurücken. In den 1970er Jahren gründete der Feinmesstechnikhersteller dann die ersten Auslandsgesellschaften in Frankreich und in den USA. Parallel wurde die in Hannover ansässige Firma „Perthen“ übernommen und das Produktprogramm einmal mehr erweitert. Dieses Mal um alles, was zur Ermittlung von Längenmaßen in der Metallverarbeitung notwendig war. Ab 1995 entstanden Werke in Tschechien und China.

Doch auch für das Familienunternehmen in fünfter Generation waren die Zeiten nicht immer leicht. „Wirtschaftskrisen, Weltkriege und konjunkturelle Schwankungen wie während der Ölkrise 1973 gab es natürlich“, sagt Gais. Am schwierigsten sei es nach dem zweiten Weltkrieg gewesen: „Da haben wir Bügeleisen und Küchenwaagen hergestellt - eben all das, was die Menschen brauchten.“ Umso stolzer ist er auf das Familienunternehmen. „Schließlich arbeiten wir auch für die noch kommenden Generationen an dem, was unsere Vofahren entwickelt haben.“ Inzwischen haben Computer die klassischen Längenmessgeräte ersetzt und präzise Messungen in Sekundenschnelle sind möglich.

Hintergrund: Auf fast allen Erdteilen vertreten

Angefangen hat Carl Mahr mit zwei Mitarbeitern. Inzwischen ist das mittelständische Unternehmen weltweit drittgrößter Hersteller von Fertigungsmesstechnik und mit 17 Standorten auf fast allen Erdteilen mit 1500 Mitarbeitern vertreten. Davon arbeiten 700 in Göttingen. Mahr gehört allen acht Enkeln von Carl Mahr junior. Sitz ist seit 1994 Göttingen. Entwickelt wird in Göttingen, Jena und Esslingen.

Zum Einsatz kommen die Techniken vorwiegend in der Automobilindustrie und im Maschinenbau. Als Entwicklungsschwerpunkte sieht Mahr auch die Medizintechnik, die Elektroindustrie sowie alternative Energietechniken.

2010 stieg der Umsatz um 31 Prozent auf 146,7 Millionen Euro. Etwa die Hälfte wurde in Göttingen erwirtschaftet. In diesem Jahr erwartet das Unternehmen einen Umsatz von über 180 Millionen. (jmo)

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.