"Frauen wünschen Inspiration"

Interview: Beate Uhse macht trotz Internet-Konkurrenz wieder Gewinn

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Leitet die Unternehmenskommunikation von Beate Uhse: Doreen Schink (36)

Das Schmuddelkind der Nachkriegswirtschaft hat den Sprung in die Zukunft geschafft: Der Erotikkonzern Beate Uhse hat im vergangenen Jahr erstmals seit Jahren wieder Gewinn erwirtschaftet. Die Firma zielt auf eine neue Kundengruppe. Unternehmenssprecherin Doreen Schink erläutert im Interview die neue Ausrichtung.

Jahrzehntelang stand die Marke Beate Uhse für schmuddelige Erotik und Pornofilme. Jetzt auf einmal zieren rosa Herzen und Schleifchen das Firmenlogo. Was ist passiert?

Doreen Schink:  Wir haben Beate Uhse von einer Männermarke in eine Frauenmarke gedreht. Der Hintergrund ist, dass sich die männliche Zielgruppe als Geschäftsmodell praktisch selbst abgeschafft hat. Das liegt daran, dass man das, was Männer bei uns gekauft haben, also hauptsächlich Filmmaterial, heutzutage alles im Internet bekommt, größtenteils sogar gratis. Auf der anderen Seite gab es eine spannende Entwicklung in der Gesellschaft. Durch Serien wie "Sex and the city" oder Trends wie dem Bestseller "50 Shades of grey" sind Themen rund um Erotik mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt.

Damit meinen Sie hin zur Zielgruppe Frauen?

Zur Person 

Doreen Schink (36) ist die Leiterin der Unternehmenskommunikation von Beate Uhse. Die gebürtige Berlinerin studierte in ihrer Heimatstadt Medien- und Publizistikwissenschaften sowie Literatur. Sie arbeitet seit 2001 für Beate Uhse, zuvor war sie freie PR-Beraterin. Schink ist ledig und lebt in Hamburg.

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Schink: Ja, die Produkte sind weg vom Schmuddelimage. Sexspielzeuge sind heute hübsche, kleine Designobjekte. Diese Veränderungen haben sich alle in den letzten fünf, sechs Jahrenvollzogen. Wir mussten die Marke Beate Uhse quasi nachrücken lassen und sie für die weibliche Zielgruppe öffnen. Dazu gehörte ein neues Logo, eine neue, verspieltere Bildsprache und eben der Perspektivenwechsel: Heute erzählen wir unsere Themen aus Sicht der Frau.

Wie hat es sich bemerkbar gemacht, dass sich die Männer als Kunden verabschieden?

Schink:  Das haben wir am Umsatz gemerkt. Beate Uhse hat früher fast 80 Prozent des Umsatzes mit Produkten für Männer gemacht. Schon vor der Repositionierung der Marke hatte wir 50 Prozent weibliche Kunden. Jetzt, mit der Neuausrichtung, sind aber 80 Prozent unserer Neukunden Frauen.

Wie verhalten sich Frauen beim Einkauf bei Beate Uhse?

Schink: Frauen kaufen intuitiver, mehr aus dem Bauch heraus. So, wie sie eine Handtasche kaufen, kaufen sie auch Dessous oder Sextoys. Sie lassen sich länger Zeit mit der Entscheidung, das sehen wir in unseren Shops, und sie wünschen mehr Beratung. Männer sind eher "Bedarfskäufer", um es mal so zu sagen. Die haben ein konkretes Bedürfnis und kaufen einen Film. Frauen wünschen mehr Inspiration als Männer.

Kaufen mehr Kunden bei Beate Uhse in den Geschäften oder im Internet?

Schink: Das Verhältnis ist nahezu ausgeglichen, aber wir merken schon, dass sich der Schwerpunkt zum Netz hin verlagert. Aber: Paare, die gemeinsam einkaufen, gehen eher in die Läden. Und seitdem wir unsere Geschäfte nicht mehr in Bahnhofsgegenden, sondern in eher normalen Einkaufszonen ansiedeln, werden wir auch Teil eines normalen Einkaufsbummels.

Tatsächlich?

Schink: Ja, die Läden sehen allerdings anders aus als früher. Die sind heute hell, freundlich und man kann von außen sehen, was einen drinnen erwartet.

Gleichzeitig bieten große Modeketten heute auch Unterwäsche an, die man vor 20 Jahren eher bei Beate Uhse vermutet hätte: Spitze, Strapse, Strings. Ist Beate Uhse soft geworden oder die Gesellschaft sexualisiert?

Schink:  Beides. Unsere Themen, also zum Beispiel sehr sexy Unterwäsche, sind heutzutage gesellschaftlich so akzeptiert, dass sie auch woanders im Schaufenster hängen können. C&A hat im vergangenen Jahr mit einem Modell in sexy Korsage geworben, das wäre vor zehn, 15 Jahren nicht denkbar gewesen.

Welches Produkt von Beate Uhse verkauft sich am besten?

Schink:  Zu den reinen Verkaufszahlen können wir aus Wettbewerbsgründen keine Auskunft geben. Wir haben aber ein Produkt, das seit Jahren ein Topseller ist und die gesellschaftliche Veränderung abbildet: Das ist der "We vibe", ein Pärchen-Vibrator. Dieser ist von einem Ehepaar entwickelt worden, das weit über 60 war, und sieht aus wie ein Designobjekt.

Und was läuft gar nicht?

Schink:  Stark nachgelassen hat die Nachfrage nach Filmmaterial. Die Videokabinen in unseren Shops etwa haben wir abgeschafft. Auch daran sieht man, dass sich das Geschäft komplett gedreht hat.

Die Fragen stellte HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte

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