Interview zu VW: „Die Hurra-Rufe kamen zu früh“

Automobil-Experte Stefan Bratzel sagt, Amerikas Grenzwerte sind das eigentliche Problem für VW.

Auch 2016 bleibt der VW-Abgasskandal weltweit Gesprächsthema. Am Mittwoch startete der deutsche Autobauer aus Wolfsburg seine größte Rückrufaktion der Konzerngeschichte. Bei Fahrzeugen des Typs Amarok werden jetzt Software-Updates aufgespielt, weitere Modelle folgen.

Doch die größten Schwierigkeiten sind für VW damit noch nicht vom Tisch. Im Interview erklärt Prof. Dr. Stefan Bratzel, der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, warum gerade der amerikanische Markt bei der Aufarbeitung des Abgasskandals ein Problem darstellt.

Seit Bekanntwerden des Abgasskandals sind vier Monate vergangen, eine einheitliche Lösung für das Problem wurde aber noch nicht gefunden. Ist VW denn überhaupt an einer zeitnahen Aufklärung interessiert?

Automobil-Experte Stefan Bratzel

Stefan Bratzel: Da gibt es verschiedene Dinge zu beachten. Es gibt ja bislang technische Lösungen für Deutschland und Europa, wie man die Grenzwerte mit legalen Mitteln einhalten will. Dazu zählen auch aktuell die Software-Updates für den Amarok. Das ist zumindest ein Teilfortschritt. Aber die Hurra-Rufe kamen Ende vergangenen Jahres zu früh. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass das Thema Abgasskandal in wesentlichen Punkten vom Tisch sei, doch dabei wurde der amerikanische Markt vergessen. Dort hat VW noch immer keine von den Behörden akzeptierten Lösungen für die Abgasproblematik gefunden.

Warum ist es in Amerika so viel schwieriger als in Deutschland, eine Lösung für die Problematik zu finden?

Bratzel: Das liegt daran, dass die Genzwerte in Amerika einfach viel niedriger sind. In Deutschland liegt die maximale Emission von Stickoxiden bei 80 Milligramm pro Kilometer, in den USA sind nur rund 30 Milligramm erlaubt. Entsprechend ist es natürlich auch deutlich schwieriger, mit einfachen technischen Hilfsmitteln diese Grenzwerte zu erreichen. Einfache Software-Updates reichen dafür nicht aus, wahrscheinlich muss VW in Amerika sehr viel tiefer in die Technik des Autos eingreifen.

Anfang des Jahres wurde bekannt, dass VW in Amerika möglicherweise 100 000 Autos zurückkauft. Ist das ein Eingeständnis, dass die Abgasprobleme nicht einfach zu lösen sind?

Bratzel: Ja, definitiv. VW muss sich ja Gedanken über Verbesserungsmöglichkeiten bei alten Fahrzeugen machen, um diese Grenzwerte zu erreichen und kann nicht einfach ein komplett neues Auto bauen. Da ist es natürlich möglich, dass die Beseitigung dieser Mängel so aufwändig ist, dass sich das gar nicht lohnt. Wenn die Fahrzeugbehörde in den USA dann nicht akzeptiert, dass diese alten Fahrzeuge noch rumfahren, bleibt eben keine andere Lösung als ein Rückkauf.

Aus Ihrer Erfahrung: Wie lange braucht es denn, um solche technischen Veränderungen zu planen und umzusetzen?

Bratzel: Das kommt auf den Umfang der technischen Maßnahmen an und der Intensität, mit der man daran arbeitet. Beispiel VW: Es ist deutlich langwieriger und teurer, neue Teile zu entwickeln, als nur Veränderungen an der Software eines Fahrzeugs vorzunehmen. Zudem ist es auch immer schwieriger und aufwendiger ein Auto im Nach- hinein umzubauen, als bestimmte Dinge von vornherein einzuplanen.

Schauen wir auf die VW-Tochterfirmen, wo es ja auch Probleme gab. Wenn VW Lösungen für die Abgasproblematik findet, wären diese auch auf Audi und Co. anwendbar?

Bratzel: Das hängt davon ab, ob die betroffenen Fahrzeuge bei den Tochterfirmen mit dem gleichen Baukasten wie bei VW gebaut wurden. Ist dies der Fall, kann man diese Lösungen auch bei Audi, Skoda oder Seat einsetzen. Sind diese Autos nicht baugleich, geht das nicht. Prinzipiell ist es aber eher so, dass ein Großteil der Motoren und Abgasanlagen bei den verschiedenen Marken gleich waren.

Sehen Sie denn eine greifbare Lösung für VW?

Bratzel: Ich habe keinen Einblick in die Lösungsvorschläge, die für Amerika diskutiert werden. Als Teil der Verhandlungslösung mit den US-Behörden wird Volkswagen aber wohl kaum um einen Teilrückkauf herumkommen. Die Behörden wollen schon zur Gesichtswahrung an VW ein Exempel statuieren.

Zur Person

Stefan Bratzel (48) ist der Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Das CAM ist ein unabhängiges, wissenschaftliches Institut für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung. Bratzel wurde am 3. März 1967 in Münzesheim im Landkreis Karlsruhe geboren. Er studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und ist seit 2004 Direktor beim CAM.

Rubriklistenbild: © dpa

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