Interview mit Robert Aschoff

Interview mit Aschoff: Auch in Kassel gibt es ein Ringen mit Nestlé

+
Robert Aschoff in seinem Edeka-Geschäft in Kassel an einem Einkaufswagen mit einer Scanbox. Damit kann der Kunde seinen Einkauf schon scannen, bevor er an die Kasse kommt.

Die Verhandlungen zwischen dem Nestlé-Konzern und dem Lebensmittelhändler Edeka um bessere Preise stecken fest. Wir sprachen mit dem Kasseler Edeka-Kaufmann Robert Aschoff. 

Herr Aschoff, haben Sie schon Kundenreaktionen auf den Streit zwischen Nestlé und Edeka bekommen?

Robert Aschoff:Nein. Das ist ja auch kein Streit, sondern eine Verhandlung über Preise. Dabei konnte man sich bislang nicht einigen. Das kann in der Tat bis zur Auslistung einzelner Sortimente führen. Aber bis sich das von den Lieferanten über die Großhandelslager bis zu uns in den Regalen auswirkt, dauert es eine ganze Weile.

Es geht um über 160 Nestlé-Produkte, dann müsste doch auch der Kunde irgendwann die Folgen der Auseinandersetzung spüren?

Aschoff: Es sind tatsächlich ungefähr 160 Artikel insgesamt betroffen, von denen aber gar nicht alle in Deutschland gehandelt werden. Insofern ist die Auswirkung bei uns in Deutschland gering. Das hat damit zu tun, dass die Edeka nur einer von sechs Partnern eines europäischen Einkaufsverbunds ist. Wir als Kaufleute wissen, welche Artikel betroffen sind, und wir sorgen gegebenenfalls für Ersatz in den Regalen.

Für den Laien ist die Auseinandersetzung mit Nestlé auf europäischer Ebene schon ziemlich beeindruckend: Wird der Ton in der Branche rauer, oder ist das das ganz normale Ringen von Branchen-Riesen um den besten Preis?

Aschoff:Nein, der Ton ist überhaupt nicht rau. Alle Beteiligten wissen, dass sie auch danach miteinander arbeiten werden und wollen, hoffentlich noch viele gute Jahre. Ja, wir haben jetzt einen Disput, aber das hat nichts mit Feindschaft oder Krieg zu tun, das sind ganz normale geschäftliche Prozesse.

Wie wichtig ist dabei die Marktmacht von Edeka?

Aschoff: Ein Unternehmen wie Edeka mit seinen knapp 4000 Einzelhändlern und insgesamt 12.000 Läden in Deutschland hört sich zunächst groß an. Aber die Edeka Deutschland macht weniger als ein Prozent des Nestlé-Umsatzes weltweit aus. Deshalb gibt es ja europäische Einkaufsverbünde, damit man bei Nestlé etwas besser wahrgenommen wird.

Wie lange wird diese Verhandlungsrunde dauern?

Aschoff: Das kann noch etwas dauern. Man setzt sich dabei Ziele; das hängt auch an den Umsätzen einzelner Artikel. Bei den Verhandlungen mit Nestlé stockt es momentan, und deswegen haben wir gesagt: Ok, auf ein paar Artikel können wir verzichten. Wir hoffen darauf, dass Nestlé nicht zuletzt auch die Vertriebs- und Distributionsleistung der Edeka anerkennt. Wir haben ja nicht nur wie beim Discounter drei, vier „Renner“-Artikel. Wir bieten ja ganze Produktreihen an, also zum Beispiel bis zu 60 Maggi-Fix-Produkte.

Werden denn betroffene Artikel wie etwa alle Wagner-Pizzen oder Thomy-Soßen aus den Regalen genommen?

Aschoff: Nein, es wird nie so sein, dass das Regal leer ist. Für die Kunden gibt´s immer reichlich Alternativartikel. In der Vergangenheit hatten wir ähnliche Diskussionen wie jetzt mit Nestlé ja auch schon mit anderen Firmen, etwa mit Mars. Haben Sie als Kunde davon etwas gemerkt?

Nein.

Aschoff:Sehen Sie.

Hilft Ihnen das viel bessere Image der Edeka gegenüber Nestlé?

Aschoff: Zum Image von Nestlé äußere ich mich nicht. Das gute Image der Edeka speist sich aus verschiedenen Richtungen. Zunächst ist Edeka ein Unternehmer-Verbund, ein Unternehmer-Unternehmen, wo der Kaufmann in den allermeisten Fällen im Geschäft steht. Das heißt, wo immer es ein Problem gibt, haben sie auch ein Gesicht dazu, einen Menschen, der sich darum kümmert. Wir sind sehr daran interessiert, dass unsere Produktionsmethoden in Deutschland und im Ausland unseren Vorstellungen von guten Produktions- und Sozialstandards entsprechen. Und das zu guten Preisen. Bei der Edeka Hessenring, die Südniedersachsen, Nord- und Mittelhessen und große Teile Thüringens versorgt, bilden wir die Preise sämtlicher Discounter wie auch anderer Mitbewerber ab. Ausnahmen bei einzelnen Aktionen und Angeboten wird es auf allen Seiten immer geben.

Welche Rolle spielen dabei die selbstständigen Kaufleute wie Sie innerhalb der Edeka?

Aschoff:Eine große. Wir haben wesentlich weniger Instanzen, Hierarchien und Verwaltungsstrukturen. Bei uns steht der Chef im Geschäft. Und dieser Chef kauft bei regionalen Firmen vor Ort ein und bei einem Großhandel, der so schlank organisiert ist, wie es nur irgendwie geht. Unsere Zentrale kauft für uns bei den großen Firmen ein.

Wie rechnet sich das? Wie hoch sind Ihre Renditen?

Aschoff:Im Lebensmittelhandel sind wir mit ein, zwei Prozent Umsatzrendite zufrieden. Das ist der Preis, den wir für die Kundenzufriedenheit zahlen. Nebenbei: Große Lebensmittelkonzerne rechnen mit Umsatzrenditen von 15 Prozent und höher. Wenn wir mit Lieferanten über Preise sprechen, dann verhandeln wir auch deswegen so hart, weil wir nur so die Zufriedenheit der Kunden auf der Preisseite aufrecht erhalten können. Und dass wir unsere Maßstäbe im Sozialen und bei den Produktionsstandards gewährleisten können. Fisch und Meeresfrüchte, die wir verkaufen, kommen zum allergrößten Teil aus zertifizierter nachhaltiger Fischerei mit MSC-Siegel. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Partnerschaft zwischen Edeka und dem WWF, die mittlerweile hunderte Produkte umfasst.

Der Kunde ist König?

Aschoff: Na klar. Ein Kaufmann möchte drei Dinge von seinem Kunden: Dass er möglichst gesund ist, möglichst alt wird und dabei möglichst zufrieden, der sich informiert und nachfragt. Und der dann kauft. Das gibt die Nachfrage. Da freut sich der Kaufmann.

Wie leicht lassen sich Nestlé-Marken ersetzen?

Aschoff: Auch das entscheidet letztlich der Kunde. Ich kann ihm jedenfalls leicht Alternativen anbieten. In der Vergangenheit hat es damit nie ein Problem gegeben.

Welche Rolle spielen Ihre Edeka-Eigenmarken?

Aschoff: Unsere Eigenmarken von „Gut & Günstig“, die schon die Qualität der A-Marke bieten, aber zum Discounter-Preis, über „Edeka“ bis hin zur Spitzenqualität „Edeka Selection“ haben für uns den Vorteil, dass sie exklusiv sind. Das heißt, wer daran Geschmack gefunden hat, wird sie nur bei uns bekommen. Das Geld, was wir hier bei der Werbung sparen, können wir in die Qualität investieren. Die Eigenmarke ist für uns sehr wichtig. Ich erwarte, dass ihre Bedeutung noch steigen wird.

Wer ist Robert Aschoff?

Der gebürtige Kasselaner Robert Aschoff (58) versteht sich neben seinem Engagement für die Edeka vor allem als „Lebensmittelverkäufer“. Nach dem Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Kassel und dem Wehrdienst machte er Ausbildungen zum Einzelhandelskaufmann und zum Metzger und lernte sein Geschäft im elterlichen Lebensmittel-Laden von der Pike auf. Privat engagiert sich der verheiratete Vater eines Sohnes im Autorennsport. Er betreibt einen Edeka-Lebensmittel- und einen Getränkemarkt in Kassel in der Frankfurter Straße (Stadtteil: Südstadt).

Kampf mit Nestlé um beste Preise

Lebensmittelhändler verhandeln permanent mit großen Herstellern um Einkaufskonditionen. Wie hart mitunter verhandelt wird, machte im Februar die Ankündigung Edekas deutlich, über 160 Nestlé-Produkte aus den Regalen zu nehmen, wenn Edeka von Nestlé nicht bessere Konditionen bekomme. Dies könnte beispielsweise Thomy-Salatsoßen, Senf und Ketchup ebenso betreffen wie Nescafé, Wagner-Pizzen, Vittel-Wasser, Schokoriegel wie Kitkat und Katzenfutter Felix. Nicht alle diese Produkte werden überall verkauft. Das hat damit zu tun, dass Edeka gegenüber Nestlé nicht allein verhandelt, sondern Teil einer europäischen Einkaufsallianz der Händler ist, namens Agecore. Edeka, größter Lebensmittelhändler in Deutschland, hat dadurch seine Verhandlungsmacht gegenüber Nestlé, dem größten Nahrungsmittelhersteller der Welt, gestärkt. Zur Agecore gehören neben Edeka unter anderem auch die Schweizer Coop und Intermarché in Frankreich. Die in der Agecore zusammengeschlossenen Händler erzielen zusammen einen Bruttoumsatz von 140 Milliarden Euro – auch für Nestlé-Maßstäbe ist das eine beachtliche Marktmacht. Allein mit Edeka erzielt Nestlé 10 Prozent seines Europa-Umsatzes. 

Edekas Marktmacht wird durch sein im Vergleich zu Nestlé überaus positives Image zumindest nicht schwächer. Nestlés Ansehen ist belastet durch Skandale der Vergangenheit, Stichworte: Pferdefleisch in angeblicher Rinderlasagne, verseuchte Milch aus China in Babynahrung, Kinderarbeit auf Kakao-Plantagen und Kauf von Wasserrechten ausgerechnet in Dürregebieten. Auf Anfrage unserer Zeitung äußert sich Nestlé zum Preiskampf mit der Agecore so: „Wir bedauern, dass unsere Kunden in einigen Geschäften in Europa derzeit keinen Zugang zu Nestlé-Produkten haben. Wir setzen die Verhandlungen in bester Absicht fort, um bald eine einvernehmliche Lösung für diese sehr bedauerliche Situation zu finden.“

Was heißt Edeka?

Die Edeka-Gruppe, ursprünglich „Einkaufsgemeinschaft der Kolonialwarenhändler“, ist ein genossenschaftlich geprägter Unternehmensverbund im deutschen Einzelhandel. Sieben regionale Großhandelsbetriebe (in unserer Region: Edeka Hessenring) beliefern Geschäfte in ganz Deutschland. Die Hamburger Edeka-Zentrale steuert das nationale Warengeschäft und gibt Impulse zur Realisierung verbundübergreifender Ziele. Edeka erzielte 2016 mit 351.500 Mitarbeitern einen Umsatz von 49,6 Mrd. Euro. Mit 16.600 Auszubildenden ist Edeka ein führender Ausbilder in Deutschland. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.