Interview: Gute Chancen für Naturwissenschaftler in Nordhessen

Gerd Semmler ist Studiendirektor und Leiter Abteilung IV (Berufliches Gymnasium/Fachoberschule) an den Beruflichen Schulen Witzenhausen.

Die Jobchancen für Naturwissenschaftler in Nordhessen sind sehr gut - und der Bedarf an MINT-Fachleuten (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) wird in den nächsten Jahren noch steigen, sagt Gerd Semmler, Studiendirektor an den Beruflichen Schulen Witzenhausen, im Interview.

Welche Rolle spielen die MINT-Berufe für die Zukunftsfähigkeit der Region Nordhessen?

Die positive industrielle Entwicklung der letzten Jahre in Nordhessen hat auch in dieser Region dazu geführt, dass es einen Fachkräftemangel insbesondere in den technikorientierten Branchen wie dem Fahrzeugbau und der Elektrotechnik gibt. Die Behebung des Fachkräftemangels und die Fachkräftesicherung ist vor allem vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Die Industrie ist auf die Förderung von Forschung und Entwicklung mehr denn je angewiesen. Daher muss die Ausbildung von Technikern und Ingenieuren zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit nicht nur in der Region Nordhessen erste Priorität haben. Wer soll innovative Produkte und Verfahren entwickeln, die einen Wettbewerbsvorsprung gegenüber der weltweiten Konkurrenz verschaffen? Hierbei darf der Fokus nicht nur auf sog. Globalplayer wie SMA Solar Technology AG oder der B. Braun Melsungen AG gerichtet werden; auch die mittelständische Wirtschaft und nicht zuletzt das Handwerk sind auf gut ausgebildete Fachkräfte im MINT-Bereich angewiesen.

Bietet Nordhessen genügend Ausbildungs- und Arbeitsstellen?

Die Nachfrage nach hoch qualifizierten Fachkräften, insbesondere im Technikbereich, ist durch die in den letzten Jahren positive wirtschaftliche Entwicklung in Nordhessen enorm gestiegen. Viele Vakanzen können nicht oder erst nach längerer Suche der Unternehmen besetzt werden. Die nach wie vor hohe Arbeitslosenquote in Kassel und den nordhessischen Landkreisen spiegeln eher ein strukturelles Problem wieder. Arbeits- und Ausbildungsstellen können oftmals nicht besetzt werden, weil qualifizierte Schulabgänger und Mitarbeiter fehlen. Es ist zu befürchten, dass sich dieser Mangel an Arbeitskräften mit Hochschulausbildung und auch Berufsausbildung bedingt durch die demografische Entwicklung weiter verschärfen wird. Die Chancen gute Arbeits- und Ausbildungsstellen angeboten zu bekommen sind für hoch qualifizierte Fachkräfte und gut ausgebildete junge Menschen sehr gut. Diese positive Entwicklung dürfte an den Arbeitskräften ohne Berufsausbildung vorbeigehen.

Wird der Bereich ausreichend wahrgenommen und gefördert?

Viele Unternehmen in der Region – dies gilt vor allem für mittelständische und große Betriebe – haben bereits heute Probleme, ausbildungsreife Schulabgänger für anspruchsvolle Ausbildungsstellen im MINT-Bereich zu finden. Der bestehende und noch größer werdende MINT-Fachkräftemangel hat daher Unternehmen, Universitäten, Fachhochschulen und Kommunen veranlasst, sich an den von mir an den Beruflichen Schulen in Witzenhausen implementierten Projekten „Pro Innovation“ und „MINT-Kolloquium“ zu beteiligen. Neben diesen Projekten konnten im Jahr 2010 die „Junior-Ingenieur-Akademie“ (JIA) und im Jahr 2011 „die Schüler-Ingenieur-Akademie“ an der Schule eingerichtet werden.

Mit den Universitäten, Hochschulen und den Unternehmen der Region als Kooperationspartner der Beruflichen Schulen in Witzenhausen wird über diese Projekte der Zusammenhang von theoretischer Bildung in den Schulen und der Praxis verdeutlicht. Diese Verknüpfung hilft, die Anzahl qualifizierter Bewerber für technische Ausbildungsberufe und Studienfächer in der Region zu steigern.

Welche Bedeutung hat das Projekt MINT im Werra-Meißner-Kreis?

Ein weiterer Schritt in die „MINT-Richtung“ war die Gründung des Forums „MINT im Werra-Meißner-Kreis“. Das Ziel des Forums ist es, schon in der frühkindlichen Erziehung und in der Schule die Begeisterung bei Kindern und Jugendlichen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu wecken. Über ein regional abgestimmtes Angebot zur MINT-Förderung von Kindern und Jugendlichen streben die Kooperationspartner an, die Übergänge von Kindergarten über Schule in den Beruf bzw. das Studium in der Region Witzenhausen und darüber hinaus im Werra-Meißner-Kreis zu verbessern, das MINT-Potenzial von begabten Schülerinnen und Schülern zu sichten und zu fördern und damit auch dem Fachkräftemangel in der Region entgegenzuwirken.

Kann das Projekt noch ausgeweitet werden?

Leider sind in diese Aktivitäten die kleineren Betriebe und Handwerksbetriebe bisher nicht eingebunden. Sich über die fehlende Ausbildungsreife der Schülerinnen und Schüler zu beklagen – besser Qualifizierte bewerben sich in der Regel bei namhaften Unternehmen – reicht nicht aus. Auch das Handwerk muss sich in Zukunft dem Problem des MINT-Fachkräftemangels stellen und den MINT-Bereich auf allen Ebenen, vom Kindergarten angefangen bis hin zur Oberstufe, fördern. (hko)

Hintergrund: Kooperationspartner des Forums MINT

Das Forum MINT im Werra-Meißner-Kreis kooperiert mit folgenden einer Reihe von Unternehmen und Einrichtungen.

  • Kindertagesstätte "Kleine Eichen" der Gemeinde Neu-Eichenberg

  • Städtische Kindergärten Witzenhausen

  • Evangelischer Kindergarten Roßbach

  • Gelstertalschule Hundelshausen

  • Johannisbergschule - Kooperative Gesamtschule Witzenhausen

  • Berufliche Schulen Witzenhausen

  • Volkshochschule Witzenhausen

  • Adam-von-Trott-Schule Sontra

  • Universität Kassel FB 15 Maschinenbau und der FB 11 Ökologische Agrarwisswenschaften

  • DIPLOMA Hochschule Bad Sooden-Allendorf

  • HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst

  • Fakultät Naturwissenschaften und Technik Göttingen

  • PFH PRIVATE UNIVERSITY of Applied Siences Göttingen

  • B. Braun Melsungen AG

  • Daimler AG - Mercedes-Benz Werk Kassel

  • Rege Motorenteile GmbH Witzenhausen

  • Rheinmetall Radfahrzeuge GmbH Kassel

  • Seeger Engineering AG Hessisch Lichtenau

  • SMA Technology AG Niestetal

  • Stadtwerke Witzenhausen GmbH

  • Stahlbau Faßhauer GmbH Großalmerode

  • Beatrice Windus - Personal- und Business Coach Witzenhausen

  • Stadt Witzenhausen

  • Werra-Meißner-Kreis

  • VDE Kassel

  • Industrie- und Handelskammer Kassel (IHK)

  • Agentur für Arbeit Kassel

  • Kompetenzzentrum HessenRohstoffe (HeRo) e. V. Witzenhausen

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