Interview zum Thema Burnout: Wenn das Hamsterrad sich unablässig dreht

Ein wichtiger Schritt, um erfolgreich gegen die Folgen von Burn-out vorzugehen, ist die rechtzeitige Erkennung und offen mit dem Thema umzugehen. Das gilt im Job wie im Privatleben, sagt Hans J. Martin, Heilpraktiker für Psychotherapie in Kassel, im Interview.

Herr Martin, ist Burn-out eine Modeerscheinung oder ein Ernst zu nehmende Erkrankung?

Martin: Burn-out ist definitiv keine Modeerscheinung, sondern ein ernstes psychisches Krankheitsbild, das mit Symptomen von Depression und Angst sowie einer erheblichen Selbstwertproplematik einhergeht. Wie viele Arbeitnehmer sind Ihrer Einschätzung nach in Deutschland an Burn-out erkrankt? Martin: Experten schätzen, dass etwa neun Millionen Deutsche betroffen sind.

Gibt es Hierarchien, beispielsweise Führungskräfte, wo Burn-out gehäuft auftritt oder sind alle Hierarchien gleichermaßen betroffen?

Martin: Betroffen sind alle Hierarchien. Leider trifft Burn-out sehr häufig gerade die leistungswilligen und karrierebewussten Mitarbeiter, die dann fatalerweise auch entsprechend ausgenutzt werden, und nicht mehr in der Lage sind ihre physischen und insbesondere psychischen Grenzen zu erkennen.

Hans J. Martin

Welche Kosten verursacht das Unternehmen und Krankenkassen?

Martin: Laut einer Studie der Betriebskrankenkassen aus dem Jahr 2009 belaufen sich die Kosten auf 6,3 Milliarden Euro.

Was sind die Ursachen, die im Berufsleben zum Burn-out führen?

Martin: Einerseits ein Anspruchsdenken der Betroffenen selbst andererseits der permanent steigende Arbeits- und Leistungsdruck der Unternehmen. Wenn dazu noch eine meist auch beruflich bedingte familiäre oder private Belastung hinzukommt und der Betroffene keine Strategie hat um die Überbelastung zu kompensieren, dann ist der Teufelskreis komplett und die Spirale aus körperlichen und psychischen Problemen beginnt sich zu drehen. Welche Menschen gelten besonders gefährdet? Martin: Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst.

An welchen Symptomen erkennt man einen Burn-out?

Martin: Die Diagnostik ist gar nicht so einfach. Erste Anzeichen sind Erschöpfung, Lustlosigkeit, Schlafprobleme, diffuse Ängste, depressive Verstimmung. Die Diagnostik muss sorgfältig von einer Depression getrennt werden. Auf jeden Fall müssen medizinische Gründe ausgeschlossen werden, sodass auf jeden Fall eine ärztliche oder fachärztliche Untersuchung erfolgen muss.

Burn-out ist ein schleichender Prozess. Wie kann man rechtzeitig erkennen, dass man sehende Auges in dieses Hamsterrad, das einen bis zur völligen Erschöpfung strampeln lässt, hineinläuft?

Martin: Eine sehr gute Frage. Zunächst sollte jeder seinen tatsächlichen Arbeitsaufwand und Arbeitseinsatz überprüfen. Dann ist wichtig zu überprüfen, ob ich noch genügend Zeit habe, um mich um Familie, Beziehung, Kinder und soziale Kontakte zu kümmern. Gibt es einen Ausgleich – zum Beispiel Sport, Hobbys usw. Sollten diese Komponenten schon kritisch aussehen, so ist davon auszugehen,dass sich ein Burn-out einschleichen und manifestieren kann.

Wie sieht der Verlauf der Erkrankung im schlimmsten Fall aus?

Martin: Im schlimmsten Fall kann sich eine dauerhafte Arbeitsunfähigkeit mit Angsterkrankungen und Depressionen entwickeln, die natürlich auch zu einer Erwerbsunfähigkeit führen kann.

Wer noch nie an diesem Punkt war, fragt sich Wie geht es Patienten in der Akutphase?

Martin: Sehr schlecht. Diese Patienten haben das durchgehende Gefühl versagt zu haben, ihren vermeintlichen Pflichten auch im privaten Bereich nicht mehr nachkommen zu können. Es bestehen Rückzugstendenzen mit Scham und Schuld besetzt.

Wie sieht eine vernünftige Therapie aus?

Martin: An erster Stelle stehen hier natürlich Entspannungsverfahren sowie psychotherapeutische Intervention - zum Beispiel Hypnotherapie, Hypnosetherapie und andere gängige Methoden wie tiefenpsychologische Gesprächstherapie. Wichtig ist es, dass die Patienten lernen, ihre physischen und psychischen Ressourcen realistischer einzuschätzen und sich Tagesstrukturen zu schaffen, die einen Ausgleich zur Arbeitssituation bedeuten.

Trotzdem sich mittlerweile auch in den Medien beispielsweise Spitzensportler dazu bekennen, an Burn-out zu leiden, gilt die Erkrankung immer noch als Tabu. Wie sollen Betroffene vor der Familie, vor Kollegen oder Arbeitgebern damit umgehen?

Martin: Meiner Ansicht nach ist eher umgekehrt. Die Diagnose Burn-out heißt ja auch, Einsatz gezeigt zu haben und sich für das Unternehmen oder die Institution übermäßig eingesetzt zu haben. Schwierig wird es erst, wenn sich Depression und Angstzustände einschleichen. Dies ist eher das große gesellschaftliche Tabu in unserer Zeit. Wenn möglich sollte man so offen wie es geht damit umgehen. Alleine schon um den inneren Druck abzubauen und Verständnis zu erhalten.

Stichwort Prävention. Was kann man für sich selbst tun, um überhaupt nicht erst an den Punkt des Ausgebranntseins kommt?

Martin: Auf seine körperlichen Symptome achten, diese nicht ignorieren und öfter mal nein sagen. Täglich 30 Minuten Sport - am besten joggen oder walken. Soziale Kontakte pflegen, Hobbys und Freizeit nicht vernachlässigen. Es muss nicht immer der anstrengende Karibik-Urlaub sein. Auch ein ein- bis zweistündiger Spaziergang am Wochenende trägt auch zu Erholung bei. Seien Sie sehr kritisch, wenn sie nicht mehr gerne an Ihren Arbeitsplatz gehen und das Gefühl haben, Sie könnten nicht mehr genügend leisten.

Wenn man einmal in sich selbst hineinhört, kann man selbst einschätzen lernen, ob man gefährdet ist?

Martin: Ja, Selbstreflektion und genaues Hinhören auf die ersten Warnzeichen sind hierbei ganz entscheidend. Ist der Teufelskreis aus Überarbeitung, Stress und persönlicher Überbelastung erst einmal in Gang gesetzt, wird das Burn-out-Syndrom sich manifestieren. Fragen Sie auch einmal Ihre Umwelt, Familie oder Freunde, ob Sie sich verändert haben - äußerlich, innerlich. Auch das ist eine gute Methode um zu erfahren, ob etwas nicht stimmt. Achten Sie auf Ihr inneres Gleichgewicht.

Zur Person

Hans J. Martin ist Heilpraktiker für Psychotherapie in Kassel. Spezialisiert hat er sich unter anderem auf Hypno- und Hypnosetherapie. Arbeitsschwerpunkte sind neben Burn-out, Angst, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen.

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