Interview mit VW-Markenchef: "Keine Bedrohung für Stammbelegschaft"

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Herbert Diess und Bernd Osterloh.
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Trotz des VW-Abgas-Skandal sollen keine Arbeitsplätze der Stammbelegschaft bedroht sein. Das erklären Markenchef Herbert Diess und Betriebsratsboss Bernd Osterloh im Interview.

Herr Diess, Herr Osterloh, vor zwei Monaten zur IAA war die Welt für Volkswagen noch in bester Ordnung. Inzwischen hat der Abgas-Skandal alles verändert. Wie ist die Stimmung im Konzern?

Herbert Diess: Die Situation ist schon angespannt. Es tut mir leid für die Mitarbeiter, denn es sind ja fleißige, engagierte, kompetente Menschen, die die Marke Volkswagen leben und sich stark mit unseren Autos identifizieren. Teilweise arbeiten sie hier Jahrzehnte - und für viele ist nun eine Welt zusammengebrochen. Das spürt man natürlich, gerade hier in Wolfsburg. Diese Menschen haben das nicht verdient.

Es hieß anfangs, es gehe nur um die "Fehler einiger Weniger". Ist das noch haltbar, wo VW nunmehr auch CO2-Falschangaben einräumt?

Diess: Das ist ein zweites, extrem ärgerliches Thema, das wir selbst aufgedeckt haben. Ich sehe darin jedoch keinen systematischen Missstand im ganzen Unternehmen, denn es ist aus fachlicher Sicht ein eingrenzbares Thema. Aber vielleicht war die Logik dahinter ganz ähnlich: Wir hatten uns zu viel, vielleicht sogar Unmögliches, vorgenommen.

Haben Sie denn eine Hypothese für den Antrieb dieser wenigen?

Bernd Osterloh: Da haben vielleicht einige Leute gesagt: "Da zeigen wir jetzt einmal, was wir können." Oder: "Wenn wir es so nicht erreichen, dann halt anders." Aber das ist hypothetisch. Wir sind derzeit noch nicht so weit, dass wir sagen können, was da genau passiert ist.

Was wissen Sie denn über die Wurzel der CO2-Falschangaben?

Diess: Es ist bekannt, dass in der gesamten Industrie Fahrzeuge auf den Prüfzyklus hin optimiert werden. Es gibt aber eben auch Maßnahmen, die sicher nicht mehr in einem Graubereich sind. Und bei uns - darauf weisen erste Erkenntnisse hin - wurden ausgewählte Fahrzeuge auch mit solchen Maßnahmen optimiert. Und das war nicht in Ordnung.

Gibt es Indizien, dass in dem Skandal noch etwas hochkommt?

Diess: Nein, es gibt derzeit keine Hinweise darauf.

Wird es auch hierzulande wie in den USA Gutscheine geben?

Diess: Der Vorstand hat bereits verabschiedet, dass es für jeden Markt ein individuelles Maßnahmenpaket geben wird. Über die Umrüstung der Fahrzeuge hinaus werden wir gemeinsam mit unserem Handel eine exzellente Kundenbetreuung bieten. Lassen Sie mich betonen, dass dem Kunden für die Umsetzung der erforderlichen technischen Maßnahmen keine Kosten entstehen.

Kann man da auch von Gutscheinen sprechen, die wie in den USA aus Bargeld und aus Produkten oder Leistungen vom Händler bestehen?

Diess: Es ist zu früh, über Details zu sprechen. Wir werden allen Kunden speziell zugeschnittene Lösungen anbieten, in die wir unseren Handel intensiv einbeziehen. Und über die Handelsorganisation werden wir das dann auch verlautbaren lassen. Die oberste Devise bei allen Maßnahmen ist und bleibt, das Vertrauen unserer Kunden zurückzugewinnen.

Osterloh: Schön wäre es doch auch, wenn wir für den Rückruf eine Software-Lösung finden, die den Verbrauch und die Akustik im gleichen Bereich hält, aber den Drehmomentverlauf sogar noch verbessert. Es könnte also passieren, dass bestimmte Motoren noch besser werden als zuvor. Ich kann da noch keine Versprechungen machen, aber in der Presse heißt es immer schon, die Betroffenen müssten mit Einbußen rechnen, etwa einem höheren Verbrauch. Aber das kann ja auch positiv laufen.

Herr Diess, können Sie denn einen Jobabbau ausschließen?

Diess: Daran arbeiten wir mit ganzer Kraft. Wenn wir die Krise schnell bewältigen, wenn wir die Autos schnell in Ordnung bringen, dann haben wir eine gute Chance, das Vertrauen der Kunden wieder zu stärken. Darauf kommt es an. Zudem haben wir eine gute Flexibilität zwischen den Werken. Ich glaube schon, dass wir die Stammbelegschaft halten können.

Gilt das auch für Leiharbeiter?

Diess: Bei der Übernahme von Leiharbeitern müssen wir sicher vorsichtig sein in der jetzigen Zeit, aber ich sehe keine Bedrohung für die Stammbelegschaft.

Frage: Im Frühling geht es wieder um den Bonus für die rund 120.000 Mitarbeiter im VW-Haustarifvertrag. Müssen die Einschnitte fürchten?

Diess: Die Verhandlungen dazu laufen. Klar ist: Das Unternehmen wird weniger verdienen, und die finanzielle Anspannung steigt beträchtlich. Da muss man natürlich reagieren. Wir können nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Also es wird weniger Bonus geben?

Osterloh: Lassen Sie sich doch einfach überraschen. Wir kriegen da schon was hin. Aber ich kann heute schon sagen, dass der Bonus nicht auf dem Niveau des Vorjahres liegen kann. Darüber sind wir uns doch alle im Klaren. Wir schauen aber natürlich auch genau hin, wie der Vorstand mit den eigenen Bonuszahlungen umgeht.

Und was sehen und hören Sie da bereits?

Osterloh: Das überlasse ich zunächst dem Vorstand. Er muss das richtige Zeichen setzen. Wenn da nichts kommt, dann werden wir uns mit dem Vorstand darüber unterhalten.

Herr Diess, werden Sie hier ein Zeichen setzen und ankündigen: Der Vorstand verzichtet auf sämtliche Bonuszahlungen?

Diess: Das muss der Vorstand gemeinsam entscheiden.

ZUR PERSON:  Herbert Diess gilt als Routinier. Der 57-jährige Chef der Hausmarke VW-Pkw trat seinen Job erst im Juli an, nachdem ihn Volkswagen von BMW abgeworben hatte. Bei den Münchnern leitete er zuletzt im Vorstand den Entwicklungsbereich, zuvor war er für den Einkauf zuständig und hatte auch einen Ruf als knallharter Kostendrücker. Diess soll die renditeschwache Pkw-Kernmarke bei VW wieder aufpolieren - das ist im Abgas-Skandal wichtiger denn je. Der Maschinenbauer promovierte in Fertigungstechnik.

Gegen den Willen der Arbeitnehmerseite läuft bei Volkswagen kaum etwas. Der Betriebsrats- und Gewerkschaftsflügel hat im Aufsichtsrat eine ungewöhnlich mächtige Stellung - und Bernd Osterloh (59) ist als Konzernbetriebsratschef seit zehn Jahren der Boss dieser "hellen Seite der Macht", wie er gerne scherzhaft sagt. Der gelernte Industriekaufmann hat laut VW-Satzung die Chance, den Neubau oder die Verlagerung von Fabriken zu blockieren - was sich als Druckmittel einsetzen ließe. (dpa)