Fünf Stunden Flugzeit

Inventurhelfer von Doks Innovation aus Kassel fliegt autonom

Sie kümmert sich eigenständig um die Lagerinventur: die neue Drohne „inventAIRy XL“ des Kasseler Start-Ups Doks Innovation.
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Sie kümmert sich eigenständig um die Lagerinventur: die neue Drohne „inventAIRy XL“ des Kasseler Start-Ups Doks Innovation.

Sie surrt, leuchtet hell und hat ein Begleitfahrzeug: die neue Inventurdrohne „inventAIRy XL“ des Kasseler Unternehmens Doks Innovation. Das Start-Up will mit ihr die Logistikbranche erobern.

Während anderen Drohnen oft nach einer Viertelstunde der Saft ausgeht, kann sie die ganze Nacht fliegen und dabei eine komplette Lagerinventur machen – vollautonom, ohne einen Menschen, der sie steuert. Die vergleichsweise lange Flugzeit von fünf Stunden verdankt die „inventAIRy XL“ ihrem Begleitfahrzeug, dem sogenannten Rover, und dem Kabel, an dem sie hängt. Der Akku fliegt nämlich nicht mit, sondern sitzt im Rover, der immer genau unterhalb der Drohne mitfährt. Ist der Stromspeicher einmal leer, fährt der Rover von alleine zu Ladestation. Nach vier Stunden ist die Energie wieder aufgeladen und die Inventur kann weiter gehen. „Alle Einstellungen lassen sich über eine Web-Oberfläche am Computer aus dem Büro machen“, erklärt Produktmanager Julian Wyszynski (31). Das Drohnen-System lässt sich direkt mit der Lagermanagement-Software des Kunden verbinden.

Der studierte Maschinenbauer ist überzeugt, dass die neue Drohne Logistikprozesse effizienter macht und die gesammelten Daten den Kunden wichtige Verbesserungen ihrer Prozesse ermöglichen. „Für den Einsatz unserer Drohne muss nichts an der Lagerinfrastruktur verändert werden. Diese Prozesse dort sind meist so genau abgestimmt, dass Veränderungen erst mal Probleme machen“, sagt Wyszynski. Alles was die Drohne braucht, ist eine ans Stromnetz angeschlossene Ladestation. Im Januar ist der offizielle Verkaufsstart, erste große Kunden wie Henkel und Thyssenkrupp sind schon mit dabei.

Einsetzbar ist das System in Palettenlagern aller Größen, die nicht höher als 13 Meter sind – denn höher kann die „inventAIRy XL“ nicht fliegen. „Die Kosten im Vergleich zur manuellen Inventur sinken erheblich, und der Kunde weiß jeden Morgen genau, wo was und wie viel davon steht“, zählt Wyszynski die Vorteile auf. Es entsteht ein stets aktueller, digitaler Zwilling des Lagers. Bis zu 2000 Palettenstellplätze kann eine Drohne pro Nacht scannen. Bevor es losgeht, muss der Rover einmal das komplette Lager abfahren und per Laser die Fahrtwege einscannen. Später finden sich Drohne und Rover auch ohne den Einsatz von GPS völlig selbstständig in der Lagerhalle zurecht – vergleichbar mit einem Staubsaugroboter.

Für eine Inventur braucht die Drohne kein Umgebungslicht, die nötige Helligkeit besorgen zwei integrierte LED-Strahler. Mit Barcode-Scannern erfasst sie eingelagerte Ware, außerdem macht eine Kamera Fotos der Stellplätze. „Damit können Schäden an den Paletten oder den Regalen entdeckt werden“, erklärt Produktmanager Wyszynski. Seine Vision: Mithilfe dieser Daten und Künstlicher Intelligenz soll der Kunde Wartungsarbeiten vorhersagen können und sein Lager optimieren können. Ist ein Barcode mal nicht einzulesen, meldet das System einen Fehler. „Die Drohne ist ehrlich, deshalb ist die Fehlerquote im Minimalbereich.“

Doks Innovation benutzt als Ausgangsmodell eine handelsübliche Drohne etablierter Hersteller. „Eine neue Drohne zu bauen ist viel zu komplex und nicht unsere Kernkompetenz.“ Anstelle des Akkus wird ein Sensormodul an die Drohne geschraubt, das in Kassel zusammengebaut wird. Es besteht aus drei Barcode-Scannern, den LED-Strahlern und einem Ultraschall-Sensor, der zwischen leeren und belegten Stellplätzen unterscheidet. Insgesamt wiegt das Fluggerät nur 1,2 Kilogramm. Das Komplettpaket aus Drohne, Rover, Ladestation, Web-Oberfläche und Service kostet im Zweijahresabo 2450 Euro pro Monat. Doks Innovation arbeitet mit Vertriebspartnern weltweit zusammen.

„Für uns ist es das wichtigste Projekt des Jahres, deswegen haben wir unser komplettes Marketingbudget in die Präsentation mitsamt Filmteam, Nebelmaschine und Scheinwerfern gesteckt“, berichtet Gründer und Unternehmenschef Benjamin Federmann (36). Im Frühjahr waren wegen der Coronakrise Investoren für das neue Produkt abgesprungen. Ein KfW-Kredit hat dem jungen Unternehmen die Flucht nach vorne ermöglicht. „Damit konnten wir in die Entwicklung investieren und Personal aufstocken“, berichtet Geschäftsführer Federmann. (Von Gregory Dauber)

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