Mit der Entwicklung des Modells W48 wurden Fernsprecher populär

Käfer unter den Telefonen

Wenn ich an der Drehscheibe drehe, ssst... ratatatatat, erinnert es mich an die Zeit, in der die Rufnummern mit drei Stellen auskamen. Ich mag das legendäre Telefon W48 (Wählfernsprecher 1948) wegen seines zeitlosen Designs, seiner soliden Technik und seines beruhigenden Gewichts – allein der Hörer wiegt mit 410 Gramm so viel wie fünf bis acht heutige Handys.

Da gewinnt der alte Telefon-Slogan „Fasse dich kurz“ wirklich Gewicht. Diese Aufforderung war bis in die 70er-Jahre an öffentlichen Fernsprechern angebracht. Zu diesen Telefonzellen marschierten wir im Notfall mit 20 Pfennig – dort hing der große Bruder des W48.

Mitte der 60er-Jahre hatten bei uns nur der Pfarrer, der Arzt und die Bundesbahnerfamilie ein Telefon. Es gab also ohnehin kaum jemanden, den man hätte anrufen können – wenn man denn ein solches Prunkstück besessen hätte.

Einen Ansprechpartner gab es seit Ende des 19. Jahrhunderts aber schon. Charmanter noch: Telefonistinnen saßen in Vermittlungsstellen und leiteten die Telefongespräche weiter. 1897 waren es 4000, zehn Jahre später 16 000. Sie waren als Fräulein vom Amt bekannt und für den Beruf geeignet, wenn sie beste Umgangsformen hatten, jung und ledig waren und aus gutem Hause stammten.

Fräulein am anderen Ende

1881 erschien in Deutschland das erste amtliche Fernsprechbuch mit 99 Einträgen. Es wurde das Buch der 99 Narren genannt, und diese Narren telefonierten also mit den Fräulein vom Amt.

Viele haben an der Entwicklung des Telefons mitgewirkt. Auch der Hesse Philipp Reis, der seinem Prototypen von 1861 den Namen Telephon gab – Tele für fern und phon für Stimme. Anerkannt wurde es allerdings erst mit der Patentanmeldung durch Alexander Graham Bell 1876.

1948 entwickelte maßgeblich Siemens & Halske endlich den VW-Käfer unter den Telefonen: das W48. Bis Anfang der 70er-Jahre wurde es als Standardapparat von der Bundespost zehntausenfach ausgeliefert. Damals waren für den Verbindungsaufbau auch keine Telefonistinnen mehr notwendig. Die Einführung des Tastentelefons 1977 läutete das Ende der Wählscheiben-Apparate und somit auch des W48 ein, das seit 1963 bereits einen Nachfolger mit Wählscheibe bekommen hatte.

Ich habe auf dem Flohmarkt trotzdem noch ein W48 von 1961 ergattert. Natürlich zwingt die Schnur zum Telefonieren im Flur. Dafür lässt es sich auch an unsere Telefonanlage anschließen. Wenn es zusätzlich als Türklingel ertönt, ist das kein synthetisches „old phone“, sondern echte Metallglocken klingen durch das ganze Haus.

Von Thomas Thiele und Dorothee Köppe

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