Die Schoß-Kaffeemühle – früher war sie ein Alltagsgegenstand, heute ist sie ein Accessoire für Genießer

Kaffeetrinken als kleines Fest

Schön anzusehen: Alte Kaffeemühlen im „Lebendigen Museum Odershausen“ im Kreis Waldeck-Frankenberg. Sammler Adolf Syring kann über jedes Exemplar eine Geschichte erzählen. Archivfoto: Zimmermann

Immer sonntags, wenn es statt des werktäglichen Muckefucks den guten Bohnenkaffee gab, wurde bis in die späten 1960er-Jahre im Elternhaus die Kaffeemühle aus dem Schrank geholt. Ein edles Gerät aus hellem lackiertem Holz mit Drehkurbel.

Die Kaffeebohnen wurden eingefüllt, und meist war es ein männliches Familienmitglied, das die Mühle zwischen die Schenkel klemmte und mit einigem Kraftaufwand den Kaffee mahlte. Dann wurde das Pulver aus der kleinen Schublade in den Filter gefüllt und heißes Wasser aufgegossen.

Kaffee kochen, das war in jener Zeit noch eine Zeremonie –etwas außerhalb des Alltags. Die aufwändige Zubereitung und der dann durch die Küche ziehende feine Kaffeeduft sorgten für eine festliche Atmosphäre.

Irgendwann wurde die Schoß-Kaffeemühle, so die offizielle Produktbezeichnung, durch eine elektrische Kaffeemühle mit Schneidemesser ersetzt. Und einige weitere Jahre später übernahm die Kaffeemaschine das Kaffeekochen, noch lange bevor die schicken Kaffee- und Espresso-Automaten in Mode kamen. Dennoch ist die Schoß-Kaffeemühle nie vom Markt verschwunden. Im Gegenteil, sie erfreut sich immer noch großer Beliebtheit, wie Rosemarie Lang von der Firma Zassenhaus berichtet. „Die Schoß-Kaffeemühle hat sich sehr gut in die Gegenwart gerettet, die Nachfrage ist stabil geblieben“, sagt die Innendienstlerin der Solinger Firma, die Marktführer in Deutschland für handbetriebene Kaffeemühlen ist.

80 000 bis 100 000 Schoß-Kaffeemühlen produziert Zassenhaus pro Jahr – vorwiegend für den heimischen Markt.

Was die Kunden an der Schoß-Kaffeemühle schätzen? Nach Angaben der Hersteller handelt es sich dabei nach wie vor um das aromaschonendste Mahlverfahren für Kaffee. Das handgeschmiedete Mahlwerk zieht die Kaffeebohne in einem ersten Schritt ein und bricht sie, bevor sie im zweiten Schritt gemahlen wird, ohne sich dabei zu erhitzen und Aromastoffe zu verlieren.

Was sind das für Leute, die sich heute ihren Kaffee mithilfe einer Schoß-Kaffeemühle zubereiten und für das Gerät zwischen 70 und 90 Euro ausgeben? „Sicherlich nicht diejenigen, die auf dem Weg zur Arbeit einen ,Coffee to go‘ kaufen“, sagt Rosemarie Lang. Sondern vor allem Menschen, die ihren Kaffeegenuss verfeinert haben und ihre speziellen Kaffeemischungen bei einer der vielen Röstereien kaufen oder den Kaffee sogar selbst rösten.

Manchen Kunden ist der Nostalgiefaktor wichtig: Sie bevorzugen die alten hölzernen und handgemachten Kaffeemühlen, wie sie von Zassenhaus seit 1867 fast unverändert gebaut werden. Allerdings werden dort heute nur noch die angelieferten Teile im eigenen Werk zusammengefügt.

Andere Kaffeefreunde greifen zur Messing- oder Edelstahl-Mühle im modernen Design. Doch wie 1960 bei der Durchschnittsfamilie dürfte auch bei ihnen der mit einer handbetriebenen Mühle zubereitete Kaffee deshalb besonders gut schmecken, weil die zeremonielle Zubereitung das Kaffeetrinken zu einem kleinen Fest macht. Das Lebendige Museum bietet Führungen nach Absprache an. Anmeldungen bei Heinrich Frese, 05621/4497. www.lebendigesmuseum.de

Von Werner Fritsch

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