Doppelter Einsatz für die Ohren

Hörgerät? Krankenkassen zahlen jetzt viel mehr

+
Kleiner Helfer: Der Krankenkassen-Festbetrag für Hörgeräte wurde nach einem Kasseler Urteil stark angehoben.

Kassel. Auf diesen Termin starrt die Branche seit Monaten. Mancher Schwerhörige soll sogar den Gang zum Ohrenarzt vertagt haben: Zum 1. November haben die gesetzlichen Krankenkassen den Festbetrag für ein Hörgerät auf maximal 785 Euro fast verdoppelt (Abschlag fürs zweite Ohr 20 Prozent).

So sollen Menschen mit leichten bis hochgradigen Hörbehinderungen bestenfalls ohne oder mit weniger Zuzahlung an bessere Hörhilfen kommen als bisher.

Es ist die späte Folge einer Entscheidung des Kasseler Bundessozialgerichts (BSG). Ende 2009 hatten die BSG-Richter die Kassen verpflichtet, Hörgeräte für fast Gehörlose nicht mehr nur anteilig, sondern komplett zu zahlen. Geklagt hatte ein 27-jähriger fast Tauber. Ihm musste die Kasse nun statt 987 Euro mehr als das Dreifache zahlen. Für die „nach dem Stand der Medizintechnik bestmögliche Angleichung an das Hörvermögen Gesunder“ – ohne Eigenbeitrag, so das BSG. Für die Gruppe der fast Tauben stieg der Festbetrag 2012. Jetzt folgt der Rest der Kunden, die mit Verordnung vom Arzt zum Hörgeräteakustiker kommen.

Luft nach oben

900.000 der kleinen Helfer im oder hinterm Ohr wurden 2012 in Deutschland verkauft. Der Markt, den sich mehrere Tausend selbstständige Hörgeräteakustiker mit Ketten wie Kind, Geers und dem Brillen-Filialisten Fielmann teilen, hat Potenzial. Irgendeine Brille trägt inzwischen fast jeder. Bei Hörhilfen sieht die Branche Luft noch nach oben: Die Alten werden mehr. Und jene klobige Technik, die in früheren Jahren am Ohr baumelte, wird immer kleiner und schicker verpackt. Längst machen sogar Filmstars wie Mario Adorf oder Michael Degen Werbung fürs Hörgerät.

Zuzahlungsfreie Apparate mussten bisher schon angeboten werden. Für sie sind höhere Festbeträge nun aber an bessere Standards gekoppelt: Digitaltechnik mit mindestens vier Kanälen und drei Programmen für diverse Hörsituationen, Unterdrückung von Rückkoppelungs-Pfeifen und Störschall, Verstärkungsleistung bis 75 dB - das müssen Kassenmodelle jetzt bringen.

Ob so mehr Kunden und steigende Umsätze winken oder ob ganz anders die meisten Käufer sich künftig Zuzahlung sparen und mit dem Einfach- Knopf im Ohr begnügen, sei offen, sagt ein Insider. Die großen Ketten jedenfalls bewerben den Nulltarif auffallend laut. Klar ist: Extras bei Design und Tragekomfort oder Bluetooth-Verbindung zum Handy oder Fernseher kosten weiter extra. Das können 1000 Euro und mehr werden - pro Ohr.

Die Kassen kalkulieren ihre Mehrkosten aus den höheren Festbeträgen auf eine Milliarde Euro jährlich. Oder mehr? Die Gesellschaft der Hörgeschädigten jedenfalls will die Neuregelung gerichtlich prüfen lassen: Die Festbetrag sei völlig undurchsichtig kalkuliert. Das BSG selbst habe bei mittlerer Schwerhörigkeit mindestens 1000 Euro pro Gerät angesetzt.

Von Wolfgang Riek

 

Folgende neue Sätze zum 1. November 2013 sind bislang bekannt:

Barmer GEK Techniker Krankenkasse (TK),
DAK-Gesundheit Kaufmännische Krankenkasse – KKH HEK, 
Hanseatische
Krankenkasse hkk

1. Gerät: 710 Euro
2. Gerät: 557 Euro

Knappschaft und Lkken:

1. Gerät: 650 Euro
2. Gerät: 494 Euro

AOK Hessen:

1. Gerät: 700 Euro
2. Gerät: 547 Euro

 

Das sagt der Schwerhörigenbund:

Sie glauben, schlechter zu hören als früher?

HNO-Ärzte testen und beraten Sie, mit der Hörgerätverordnung gehen Sie zum Akustiker. Fragen Sie Ihre Kasse nach Festbetrag und Details der Versorgungsverträge (Nebenleistungen), die nicht überall gleich sind.

• Sie haben einen Akustiker Ihres Vertrauens gefunden?

Stellen Sie bei Bedarf sofort klar, dass Sie die aufzahlungsfreie Versorgung anstreben. Testen Sie zuerst das Festbetrag-Modell (mindestens vier Wochen lang) - nicht das teurere. Verordnung nur in Kopie abgeben - dann können Sie den Akustiker einfacher wechseln.

• Sie brauchen das teurere Hörgerät?

Leistungsantrag auf volle Kostenübernahme über den Festbetrag hinaus bei Ihrer Kasse stellen! Lassen Sie sich, wenn Sie nicht aufzahlen wollen, vor Unterzeichnung einer Mehrkostenerklärung beim Akustiker unbedingt beraten.

• Kompletter Ratgeber des Schwerhörigenbundes unter

http://zu.hna.de/hörgerät

• Tipps der Verbraucherzentrale NRW:

http://zu.hna.de/vzohren

Hintergrund

Stressfaktoren: Ohr schläft nicht

• Ruhe schont die Ohren, zu viel Lärm lässt sie vorzeitig altern. Die Auswertung von 120.000 Hörtests von TNS Emnid für den Hörgeräte-Händler Geers macht Oldenburg zur Stadt mit den besten Hörern, Bottrop zur Heimat besonders schlechter Ohren. In jedem Alter hören danach Männer etwas schlechter als Frauen (Städte der Region nicht im Test).

• Straßenlärm und Fluglärm werden laut Emnid als mit am schlimmsten empfunden, im Berufsleben sind neben Handwerkern auch Angestellte in lauten Büros betroffen. Experten empfehlen hier bessere Schalldämmung, Gehörschutz und Pausen in Ruhezonen.

• Das Ohr ist immer aktiv - auch im Schlaf. Zu viel Lärm löst Stress aus. Weitere Folgen können Gehörschäden, Änderungen bei Risikofaktoren (Blutfette, Blutzucker, Gerinnung), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Herzkrankheiten sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.