Marktführer für Spielzeugpistolen und -munition kämpft gegen Umsatzeinbußen

Kinder legen Waffen nieder

Früher normales Kinderspiel: Räuber und Gendarm und Cowboy und Indianer sind aus der Mode gekommen. Das spürt auch der einstige Marktführer für Spielzeugmunition und -waffen. Foto: dpa

Den Geruch habe ich noch heute in der Nase: Wenn ich mit dem Finger zuckte, die Ladung des Zündplättchens explodierte, zog eine stechende Wolke durch unseren Garten.

Mein Nachbar, ein Indianer, war getroffen. Während bis in die 80er-Jahre noch der halbe Schulhof bewaffnet war, läuft das Geschäft für den größten deutschen Spielzeugwaffenhersteller längst nicht mehr gut. Verantwortlich ist dafür auch die öffentliche Kritik an dieser Form des Spiels.

Der einstige Marktführer Sohni-Wicke wurde 2006 vom Nürnberger Spielwarenkonzern Heinrich Bauer Group aufgekauft. Bernd Nau, einer der letzten 30 Mitarbeiter am Hauptstandort von Sohni-Wicke in Hattingen, hat miterlebt, wie das Wild-West-Spiel immer unlukrativer wurde. Seit 20 Jahren ist er bei der Firma. Als er anfing, arbeitete er noch mit 125 Kollegen zusammen. Der Umsatz, der heute bei acht Millionen Euro liegt, sei seinerzeit mindestens doppelt so hoch gewesen.

Kinder spielen immer kürzer

Nau kennt die Gründe für den Absturz: Die Altersspanne, in der Kinder mit Pistolen spielen, sei immer kürzer geworden. Sein Chef, Unternehmer Heinrich Bauer, weiß es genauer: Die Zeit, in der sich Kinder mit klassischem Spielzeug wie Puppen und Modellautos beschäftigen, habe sich von 14 auf sieben Jahre halbiert.

Gegründet hatte die Sohni-Wicke 1866 Ferdinand Wicke in Wuppertal. Im Angebot waren Munition für Kinderpistolen und Zünder für Grubenlampen. Weil das Unternehmen nicht kriegswichtig war, wurde es 1941 geschlossen.

Erst 1950 begann Sohni-Wicke wieder, Spielzeugmunition herzustellen. Neben dem Klassiker, dem Zündplättchen, folgte 1964 die Munition in Kunstoffringen. An der Art der Munition war beim kindlichen Straßenkampf ab sofort der Wohlstand des Elternhauses abzulesen. Kinder von Gutverdienern hatten Ringmunition aus Plastik in ihren Revolvern, die mehr Wumms hatte.

Ab 1980 produzierte die Firma nicht nur Munition, sondern auch Spielzeugwaffen. Mit der Übernahme von Konkurrenten sicherte sich Sohni-Wicke die Marktführerschaft. Ende der 80er-Jahre wurde die kostenintensive Fertigung von Waffen nach China und Thailand verlagert. Weil für die Munition hohe Qualitätsstandards gelten, wird sie weiter in Hattingen hergestellt. Auch die 100er-Rolle Zündplättchen ist noch im Programm.

2001 war es mit der bedenkenlosen Knallerei der Zündplättchen jedoch vorbei: Als die EU eine Lautstärkegrenze von 125 Dezibel einführte, habe das seine Firma „Kopf und Kragen“ gekostet, sagt Nau. Weil es nicht mehr so laut knallte und Kinder das Interesse verloren, meldete Sohni-Wicke Kurzarbeit an. „Dabei ist jeder platzende Luftballon lauter“, sagt Nau.

2006 folgte die Übernahme durch die Heinrich Bauer Group. Weil sich die Konkurrenzsituation mit Fernost entschärfte und sich die EU nach Osten erweiterte, stieg der Umsatz zuletzt wieder.

Ein Problem für die Firma ist die öffentliche Meinung über ihre Produkte. Nau legt Wert darauf, dass man keine Kriegswaffen vertreibe. Wenn ein Schüler Amok laufe, werde seine Branche dafür verantwortlich gemacht. Dabei habe sein Betrieb schon Zündplättchen hergestellt als noch niemand Amokläufe kannte.

Von Bastian Ludwig

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