Klingende Statussymbole: Musiktruhen boomten in 50er- und 60er-Jahren

Sie hatten so klangvolle Namen wie Löwe-Opta Sonatime, Graetz Cantilene, Nordmende Cosima, Kuba Dominante und Saba Lindau. Und in einem bürgerlichen Wohnzimmer der 1950er- bis späten 1960er Jahre durften sie nicht fehlen.

Die meist wuchtigen Musiktruhen waren im damaligen Wirtschaftswunderland Deutschland wie das Auto und der Fernseher Ausdruck von Aufschwung und Wohlstand.

Zunächst boten die „Konzertschränke“ nur ein Radio sowie Plattenspieler und -fach. Die Einstiegsmodelle lagen bei 700 bis 800 Mark, was angesichts von Monatsnettolöhnen von 300 bis 400 Mark Anfang der 60er-Jahre ein kleines Vermögen war. Spitzenmodelle mit Tonband, Fernbedienung, eingebautem Fernsehgerät und integrierter Bar kosteten 3000 Mark und mehr und galten in besser gestellten Haushalten als Statussymbol, das Besuchern gern vorgeführt wurde.

Auch wir hatten daheim eine Musiktruhe. Allerdings eine einfache mit Radio, Plattenspieler und beleuchtetem Plattenfach. Mitte der 60er-Jahre erwarb mein Vater für 150 Mark ein Gebrauchtgerät des damaligen Marktführers Grundig, das zu jenem Zeitpunkt schon acht Jahre auf dem Holz hatte und einige kleine Defekte und Gebrauchsspuren aufwies. Was unserer Freude über das Prachtstück aber keinen Abbruch tat. In den ersten Wochen wurde das allabendliche Abspielen von Schlagerplatten zu einem Familienerlebnis.

Meinen Schwestern und mir war es verboten, die Musiktruhe in Abwesenheit der Eltern zu benutzen. Wir taten es dennoch und handelten uns dadurch einigen Ärger ein. Die Drohung, den Schrank zu verschließen, machte mein Vater aber nie wahr.

Seine goldenen Zeiten erlebten die „ausladenden Schlachtschiffe“ wie Rainer Steinführ vom Rundfunk-Museum in Berlin die Truhen nennt, in den 50er- und Anfang der 60er-Jahre. „Dann kamen die ersten Hifi-Geräte mit getrennten Elementen auf“, erinnert er sich an das einsetzende Ende der klingenden Ungetüme.

Fast ein Dutzend Anbieter tummelte sich auf dem Markt und die Großen unter ihnen hatten zeitweise zehn bis zwölf verschiedene Modelle gleichzeitig im Angebot. Sie bedienten nicht nur den deutschen Markt. Viele Geräte gingen ins Ausland. Sie fanden den Weg nach Arabien, Nord- und Südamerika, Australien und Fernost.

Wie viele Musiktruhen in Deutschland gebaut wurden, ist nicht bekannt. Aus jener Zeit gibt es keine verlässlichen statistischen Aufzeichnungen. Es müssen aber Millionen gewesen sein. Denn allein der damalige Wolfenbütteler Hersteller Kuba, der 1954 ins Musiktruhengeschäft eingestiegen war, feierte fünf Jahre später die Herstellung der 250 000. Musiktruhe. In den 70er und 80er-Jahren verschwanden die klingenden Möbelstücke nach und nach aus den Wohnzimmern.

So erging es auch unserer Grundig 8058. Irgendwann war sie irreparabel defekt und wurde durch einen kompakten, schicken Plattenspieler mit Radio und knallrotem Kunststoffgehäuse ersetzt.

Von José Pinto

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.