Kommentar zum EZB-Anleihekauf: Tritt auf die Stotterbremse

Mario Draghi bleibt sich als Euro-Schutzpatron treu und öffnet erneut die Schleusen - allerdings etwas weniger stark als bisher. Ein Kommentar von HNA-Redakteurin Barbara Will.

Wenn es noch einer Erklärung bedurft hätte, warum das gescheiterte Verfassungsreferendum in Italien die Börsen kaum aufgeregt hat, dann hat die Europäische Zentralbank sie heute geliefert. Tatsächlich haben sie darauf vertraut, dass EZB-Chef Mario Draghi den Geldhahn offen lässt, um das hoch verschuldete Italien über Wasser und die Finanzmärkte bei Laune zu halten.

Die Krise in seinem Heimatland hat den EZB-Chef unter Zugzwang gesetzt. Doch die Entscheidung, das Anleihenkaufprogramm zu verlängern, aber etwas einzudampfen, ist kein Widerspruch dazu: Die Geldflut der EZB hat die Eurozone zu einem hohen Preis vor dem Zerfall gerettet. Sparer, Banken und Versicherungen leiden unter der Nullzinspolitik. Börsianer aber jubeln, der Dax schaffte es gestern auf sein Jahreshoch. Doch je mehr sich die Aktien von einer realistischen Bewertung entfernen, desto näher ist der Crash.

Nun springt die Konjunktur an, die Inflation steigt. Das Anleihenprogramm ist im jetzigen Umfang nicht mehr zu rechtfertigen – wie lange es noch genügend Anleihen gibt, die den EZB-Kaufkriterien genügen, ist eine andere Frage. Mario Draghi steht vor seiner nächsten großen Aufgabe: Den Ausstieg richtig zu dosieren. Denn 2017 stehen die Brexit-Verhandlungen, Wahlen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden an. Wohin die US-Wirtschaft mit Donald Trump steuert, ist unklar.

Die EZB muss Präsenz zeigen. Mario Draghi kann das Steuer nicht abrupt herumreißen. Ihm bleibt nur die Stotterbremse – und noch für längere Zeit die Rolle als Schutzpatron des Euro. wll@hna.de

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