Geplante Solarstromförderung in der Kritik - Experten erwarten einen weiteren Kostenanstieg

„Komplette Reform wird ausgehebelt“

Kassel. Die Solarstrom-Lobby hat ganze Arbeit geleistet. Wie es aussieht, trifft die geplante Kürzung der Einspeisevergütung zum 1. Juli die Betreiber künftiger Anlagen nicht annähernd so hart wie Deutschlands Wachstumsbranche und der Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) der Öffentlichkeit weismachen wollen.

Dafür tauchen drei andere Probleme auf – Ausfälle bei Konzessionsabgaben, die Kalkulation der Versorger und künftige Abrechnungen.

Doch vorerst scheint es sich für die Erzeuger des Solarstroms zu rechnen. Denn die Fördersätze für selbst genutzten Solarstrom sollen beibehalten werden: Wenn Anlagenbetreiber einen Teil der Energie vom Hausdach selbst verbrauchen, kassieren sie dafür deutlich mehr, als wenn sie ihn ins Netz einspeisen.

Ziel könnte verfehlt werden

Alle Stromkunden zahlen eine Erneuerbaren-Energien-Umlage (EEG-Umlage) von derzeit 2,047 Cent je Kilowattstunde (kWh). Die Kürzung der Solarstromsubvention soll diese Umlage auf dem Niveau stabilisieren. Dieses Ziel könnte am Ende verfehlt werden. Einige Marktbeobachter glauben sogar, dass die erwartete Eigenverbrauchsregelung den aktuellen Solarboom weiter befeuert und die Umlage 2011 auf drei Cent hochtreibt.

Einen Drei-Personen-Haushalt kostet die Förderung schon heute 70 Euro im Jahr. Er müsste sich auf eine Mehrbelastung von 20 bis 30 Euro einstellen. Unzumutbar, meinen Verbraucherschützer. Ihnen geht die geplante Senkung der Förderung nicht weit genug.

„Wenn die Eigenverbrauchsregelung so kommt, wird die aktuelle Überförderung zementiert und die EEG-Reform komplett ausgehebelt“, sagt Bernd Schüßler. Er ist Sprecher der Fachzeitschrift „Photon“ in Aachen, die die gegenwärtige Einspeisevergütung als Überförderung ansieht. Damit nicht genug:

1Solar-Experte Schüßler ist überzeugt, dass ein zunehmender Eigenverbrauch „fatale Auswirkungen“ auf Netz- und Entgeltstrukturen hat. So fielen beim Selbstverbrauch Konzessionsabgaben weg, die Städte und Gemeinden Versorgern für die Durchleitung von Strom über kommunale Flächen in Rechnung stellen.

Was sich zunächst wenig anhört, kann sich über die Jahrzehnte selbst in einer Kleinstadt zu Einnahme-Ausfällen in Millionenhöhe auswachsen. Dem Bund könnten jährlich Stromsteuern (zwei Cent je kWh) in dreistelliger Millionenhöhe entgehen. „Da gibt es einen Rattenschwanz von Auswirkungen, die die Politik konsequent ignoriert“, meint Schüßler.

2Ein weiteres „Riesenproblem“ sieht Alexander Rohrssen von den Stadtwerken Wolfhagen auf Versorger zukommen. Sie wüssten künftig nicht mehr, wie hoch der Eigenverbrauch ist und wie viel Strom sie bereitstellen müssten.

3Ein Installationsexperte der Region erwartet sogar einen „abrechnungstechnischen Horror“. So sei noch unklar, wer die Vergütung des Eigenverbrauchs zahlen müsse, wenn ein anderer Anbieter als der örtliche Netzbetreiber den Strom liefert: „Das gibt einen gewaltigen Verwaltungsaufwand bei den Versorgern.“

Von José Pinto

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