Führungswechsel nach 34 Jahren: Konzernchef Ludwig Georg Braun verabschiedet sich

Konsequenter Querdenker

Melsungen. Auf die Frage, ob er in seinen 34 Jahren an der Konzernspitze auch einen richtigen Flop gelandet habe, denkt Ludwig Georg Braun einen Moment nach: „Echte Fehlentscheidungen, die wir grundsätzlich revidieren mussten, kann ich nicht sehen“, sagt der 67-Jährige dann.

Der Nordhesse hat den Medizintechnik- und Pharmahersteller B. Braun Melsungen AG in fünfter Generation geführt. Heute wird er mit einem Festakt verabschiedet.

Braun hat das Familienunternehmen ausgebaut. Als der gelernte Bankkaufmann 1977 Vorstandssprecher wurde, setzte die B. Braun Melsungen AG 300 Millionen Mark (rund 153 Mio. Euro) um und verdiente unterm Strich 3,8 Mio. Mark. Zum 1. April übergibt Ludwig Georg Braun seinem Nachfolger Heinz-Walter Große einen Konzern mit über vier Milliarden Euro Umsatz. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich mehr als verzehnfacht. Früh hatte Braun, der Auslandserfahrungen bei praktischen Studien in England und den USA und bei der Arbeit in Brasilien sammelte, auf internationale Märkte gesetzt.

Ob neue Produkte oder neue Konzepte: Braun denkt quer und handelt unkonventionell. So machte er die Beschäftigten in der Melsunger Konzernzentrale zu Büronomaden: Feste Plätze gibt es in dem Bau der englischen Stararchitekten James Stirling und Michael Wilford nicht. Der Braunianer sucht sich einen freien Schreibtisch.

Braun läuft Marathon – zuletzt in Tokio, kurz vor dem Ausbruch der Katastrophe. Als Front Runner, als jemand der voranläuft, bezeichnet er sich selbst: „Das, was heute möglich ist, muss man machen.“

„Das, was möglich ist, muss man machen.“

Ludwig Georg Braun

Gemacht wurden etwa Beschäftigungspakte mit Gewerkschaft und Betriebsräten – für neue Fabriken in Melsunen und dem schwäbischen Tuttlingen arbeiteten die Braunianer länger und waren dafür vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt. Die jüngste, derzeit laufende Vereinbarung in Melsungen schließt eine Gewinnbeteiligung mit ein. Auch die klassische Budgetplanung mit starren Vorgaben hat Braun abgeschafft. Wichtig sind die aktuellen Zahlen – und die liegen schnell vor: „Am zweiten Tag nach dem Monatsende haben wir die Konzernbilanz auf dem Tisch.“

Seine Nachfolge im Konzern hat er mit Bedacht geregelt: Große, den Braun seit über 40 Jahren kennt, rückt an die Spitze. Der älteste Sohn, Otto Philipp Braun, zieht in den Vorstand ein, zunächst als stellvertretendes Mitglied.

„Ich bin sehr stolz auf mein Familienleben“

Ludwig Georg Braun

„Ich bin sehr stolz auf mein Familienleben“, sagt Braun. Zwei seiner fünf Kinder arbeiten im Unternehmen. Und bei diesem hält die Familie zusammen. Den Gang an die Börse hat die B.Braun Melsungen AG nicht antreten müssen, um sich Geld für das weitere Wachstum zu besorgen. Da verzichtete man lieber auf üppige Ausschüttungen oder finanzierte die Infusionslösungsfabrik Life I privat mit.

Ob Braun in den Aufsichtsrat des Konzerns einzieht, lässt er offen. Eine Regel für sein weiteres Vorgehen hat er formuliert: „Stehe zur Seite und nicht im Weg.“

Von Barbara Will

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