Anleger suchen „sichere Häfen“

Krim-Krise drückt Märkte weltweit ins Minus

New York - Wie geht es weiter in der Krim-Krise? Die Unsicherheit darüber drückt die Märkte rund um den Globus ins Minus. Die Politik warnt, und die Anleger suchen vor allem „sichere Häfen“.

Die Krim-Krise hat die Märkte am Freitag weltweit schwer belastet. An den wichtigsten Börsenplätzen gingen die Kurse vor dem umstrittenen Russland-Referendum über eine Abspaltung der ukrainischen Halbinsel am Sonntag auf Talfahrt. Nachdem bereits die New Yorker Wall Street deutlich im Minus geschlossen hatte, verzeichneten auch an andere Börsen Verluste. Der deutsche Leitindex Dax rutschte zum ersten Mal seit Dezember unter die psychologisch wichtige Marke von 9000 Punkten. Auch der zuletzt sehr starke Euro geriet unter Druck, der Kurs erholte sich aber bis zum Mittag wieder bis knapp unter 1,39 US-Dollar. Anleger suchten „sichere Häfen“ wie Gold und deutsche Staatsanleihen. Kanzlerin Angela Merkel drohte Russland erneut mit Wirtschaftssanktionen.

Nach einem Spitzengespräch mit den großen Wirtschaftsverbänden in München sagte die CDU-Chefin am Freitag: „Wir wollen Lösungen über Gespräche - und die Tür dazu steht weiterhin offen.“ Gespräche seien die beste Möglichkeit zur Lösungsfindung. „Wenn nicht anders möglich“ müsse es allerdings auch Sanktionen geben können, betonte die Kanzlerin. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bezeichnete die derzeitige Situation als dramatisch. Die wirtschaftlichen Folgen könnten gravierend sein. „Eine weitere Zuspitzung der internationalen Lage kann schnell zu einer Eintrübung der Weltwirtschaft führen“, so der SPD-Chef in der „Passauer Neuen Presse“ (Freitag).

Die wichtigsten Akteure der Krim-Krise

Wladimir Putin (61): Nach dem Regierungswechsel in Kiew sah der Kremlchef für viele schon wie ein Verlierer aus. Jetzt hält er mit der Machtdemonstration auf der Krim aber die Trümpfe in der Hand. Westliche Kritik prallt meist an ihm ab. Eine völlige Isolation kann sich sein vom Rohstoffexport abhängiges Reich aber kaum leisten. © AFP
Barack Obama (52): Der US-Präsident wirft Putin in der Krim-Krise einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Russland sei „auf der falschen Seite der Geschichte“. Washington will Moskau wirtschaftlich und politisch isolieren, sollte der Kreml nicht einlenken. Konkret könnten die USA zunächst den G8-Gipfel in Sotschi boykottieren. © AFP
Angela Merkel (59): Die Kanzlerin gilt als wichtige Vermittlerin, weil sie unter westlichen Staatenlenkern die längste Erfahrung mit Putin hat. Erstmals traf sie ihn 2000 als Generalsekretärin. Merkel hat aus DDR-Zeiten eine Sonderbeziehung zu Moskau, und sie spricht Russisch. Ex-KGB-Agent Putin spricht aus seiner Dresden-Zeit Deutsch. © dpa
Frank-Walter Steinmeier (58): Seit zweieinhalb Monaten ist er wieder Außenminister - und bereits als Vermittler in der Ukraine im Einsatz. Der SPD-Politiker verfügt aus früheren Jahren über gute Beziehungen nach Moskau und will Kontakte unbedingt aufrechterhalten. Ein erstes Treffen mit seinem Kollegen Sergej Lawrow brachte aber keinen Erfolg. © AFP
Viktor Janukowitsch (63): Er legte im November als Präsident eine Annäherung der Ukraine an die EU auf Eis und provozierte damit Proteste mit fast 100 Toten. Der Zwei-Meter-Mann floh nach Russland. Moskau sieht ihn als legitimen Staatschef an, allerdings ohne politische Zukunft. Die Führung in Kiew will ihn vor Gericht stellen. © dpa
Arseni Jazenjuk (39): Er ist der neue Regierungschef nach dem Machtwechsel - und bezeichnet sein Engagement angesichts der massiven Probleme des Landes als „politischen Selbstmord“. Die Aufgabe als prowestlicher Hoffnungsträger gibt ihm aber die Möglichkeit, aus dem Schatten seiner Parteikollegin Julia Timoschenko zu treten. © AFP
Julia Timoschenko (53): Aus dem Gefängnis heraus führte die Politikerin mit flammenden Appellen die Opposition gegen Janukowitsch. Mit einem emotionalen Auftritt im Rollstuhl feierte sie vor kurzem vor über 100 000 Regierungsgegnern in Kiew ein furioses Comeback. Sie will bei der Präsidentenwahl am 25. Mai antreten. © dpa
Sergei Aksjonow (41): Der Geschäftsmann mit dem Bürstenhaarschnitt stieg über Nacht zum Regierungschef der Krim auf - und rief Präsident Putin sofort auf, für „Frieden und Ordnung“ auf der Halbinsel zu sorgen. Ukrainische Aktivisten werfen dem Chef der moskautreuen Partei Russische Einheit vor, ein Agent des Kreml zu sein. © dpa
Alexander Turtschinow (49): Der Ökonom steht als Parlamentschef und Übergangspräsident auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Er gilt als Vertrauter von Timoschenko und war schon während der Orangenen Revolution 2004 einer der Organisatoren der Proteste. Nach dem Sieg der demokratischen Kräfte wurde er damals Geheimdienstchef. © dpa

Zwar warnt die deutsche Wirtschaft vor negativen Folgen von Wirtschaftssanktionen gegen Russland - sie hält solche Maßnahmen aber unter Umständen für unvermeidbar. Natürlich hätten Sanktionen negative Wirkungen für beide Seiten, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, am Freitag. Das Völkerrecht stehe aber über allem.

Zwei Tage vor dem umstrittenen Referendum drückten die Unsicherheiten die Märkte kräftig ins Minus: In Frankfurt fiel der Dax zum ersten Mal seit Dezember 2013 unter 9000-Punkte-Marke und auf den tiefsten Stand seit Oktober. Bis zum Mittag konnte der Leitindex seine Verluste zwar wieder etwas eindämmen. In dieser Woche ist der Index damit aber bisher um etwa vier Prozent gefallen.

Auch an anderen europäischen Börsenplätzen ging es abwärts: Sowohl der EuroStoxx 50 als Leitindex der Eurozone als auch die wichtigsten anderen Börsen in Europa verzeichneten Verluste.

Druck kam auch von den internationalen Börsen: Der japanische Leitindex Nikkei 225 war wegen eines starken Yen über drei Prozent ins Minus gerutscht. „Die Nervosität an den Märkten ist immens hoch“, sagte Marktanalyst Christian Henke vom Broker IG. Auch die US-Börsen hatten am Vorabend deutlich nachgegeben. Händler sagten, viele Anleger hätten aus den vergangenen Wochenenden gelernt und die mittlerweile schon typische Wochenendabsicherung bereits am Donnerstag vorgenommen.

Vor dem umstrittenen Referendum dürfte die Verunsicherung der Anleger zunächst weiter anhalten. Bei einer Zuspitzung des Konflikts könnten steigende Energiepreise die Konjunktur in der Eurozone gefährden.

Derzeit gehen die Anleger nach Einschätzung von Experten auf Nummer sicher und kaufen deutsche Staatsanleihen. Auch der Goldpreis profitiert weiter von der hohen Nervosität der Märkte. Der Preis für das als Krisenschutz gefragte Edelmetall stieg am Freitag auf über 1380 Dollar je Unze und stand damit so hoch wie seit fast sechs Monaten nicht mehr.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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