DDR-Akten notierten Kalilauge im Grundwasser

K+S: Anklage nach fast acht Jahren - Fragen und Antworten zum Fall

Reste der DDR-Grenzanlagen vor der K+S-Abraumhalde zwischen Philippsthal und Unterbreizbach: Feste Abfälle werden aufgeschüttet, flüssige in die Werra gepumpt oder in tiefe Gesteinsschichten. Archivfoto: dpa

Kassel/Meiningen. Die Staatsanwaltschaft Meiningen hat Anklage gegen K+S-Manager und Mitarbeiter des Thüringer Landesbergamtes erhoben.

Es geht um den Verdacht einer Umweltstraftat in Thüringen. Das Landgericht prüft, ob es ein Hauptverfahren eröffnet. Fragen und Antworten:

2008 erstattete die Gemeinde Gerstungen Anzeige - warum erst jetzt die Anklage verbunden mit der Forderung nach Abschöpfung von 325 Mio. Euro Gewinn bei K+S?

Alte Akten, Bergrecht, Geologie - da mussten sich die Staatsanwälte erstmal einarbeiten. Im Herbst 2015 war der Verdacht so erhärtet, dass er offenbar die Durchsuchung bei K+S begründen konnte. Der Vorwurf: Aufgrund der geologischen Beschaffenheit der Gerstunger Mulde hätten die Beteiligten von vornherein damit rechnen müssen, dass die von 1999 bis 2007 versenkten Salzlaugen im Pufferspeicher Gerstungen „nicht wie angenommen in der Speicherformation Plattendolomit bleiben, sondern sich unkontrolliert ausbreiten“. Auch nach oben.

Weswegen wurde in Thüringen genau ermittelt?

Wegen unerlaubtem Umgang mit Abfällen, § 326 Strafgesetzbuch. Hier drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Vorausgesetzt, „Art, Beschaffenheit oder Menge der Abfälle sind geeignet, nachhaltig ein Gewässer, die Luft oder den Boden zu verunreinigen oder sonst nachteilig zu verändern“. Kurzum: Es geht um Gefahren für Grund- und Trinkwasser.

Auch in Hessen wird ja versenkt - was ist in Thüringen genau vorgefallen?

Nach der Wende hatte K+S alte DDR-Pläne neu belebt: Abwässer des Thüringer Kali-Standorts Unterbreizbach wurden in poröse Schichten von 150 bis 500 Meter Tiefe befördert, sollten bei hohem Werra-Wasserstand zurück- und dann in den Fluss gepumpt werden. 2008 brachten Grundwasserproben der Bohrung Hy Gerstungen 1/2008 aber so hohe Kalium-, Magnesium- und Bromidgehalte zutage, sprich: Signale für aufsteigende Salzabwasseranteile, dass Erfurts damaliger Umweltstaatssekretär Stefan Baldus (CDU) den Weiterbetrieb der schon 2007 gestoppten Versenkung „nicht begründbar“ nannte. K+S räumte damals „lokal begrenzten Einfluss von Salzlösungen“ ein. Trinkwasserhorizonte seien aber nicht betroffen, hieß es.

Wieso wirft die Anklage Managern und Bergamt vor, sie hätten mit dem Zurücksteigen der Lauge in Grundwasserhorizonte rechnen müssen?

Zu DDR-Zeiten wurde 1968 die Versenkung im Raum Gerstungen wegen Gefährdung der Trinkwasserversorgung gestoppt - zulasten der Werra, die jetzt die Ostabwässer und ihre Salzfrachten komplett abbekam. Später, nach Protesten des Westens, wurde erneut Versenkung erwogen - dabei blieb es aber. Offenbar fürchtete man Millionenkosten für Fernwasserleitungsbau. Der VEB Kalibetrieb Werra wies noch 1986 auf zwölf Quellen und Brunnen der Region hin, mit deren Ausfall die Wasserversorgung von 18 Dörfern großteils „völlig zusammenbrechen würde“. Dass „aufsteigende Kaliabwässer zu hohen Salzgehalten im Grundwasser“ führten (im Raum Merkers), erwähnt eine Verschlusssache der DDR-Bergbauforschung, ebenso „die Versalzung der Werraaue durch Kaliabwässer bis Berka“. Solche Aktenfunde - unter vielen anderen - dürften die Anklage auch genährt haben.

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