Forscher: Nutzen gleich null – Konzerne schweigen – Bundesrat vor Beschluss

Lebensmittel für Diabetiker verschwinden

Berlin. Spezielle Lebensmittel für Diabetiker dürfen künftig nicht mehr angeboten werden. Dem stimmte am Montag der Ausschuss des Bundesrats für Agrarpolitik und Verbraucherschutz zu. Dementsprechend wird die bestehende Diätordnung geändert. Es gilt als sicher, dass der Bundesrat der Empfehlung am 24. September zustimmen wird.

Der Grund: Forscher sagen, dass der Nutzen spezieller Diabetiker-Lebensmittel gleich null sei. Selbst Thomas Danne, Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, kann dem nur zustimmen. Seit Jahren habe er sich für die Abschaffung eingesetzt. Für die Konzerne bedeutet dies: Hinweise auf Verpackungen ändern und neue Rezepturen.

Die Konzerne machen mit den zuckerarmen Produkten gut eine halbe Milliarde Euro Umsatz auf dem deutschen Markt – Diätprodukte machen etwa 138 Millionen Euro aus, hinzu kommen weitere 380 Mio. für zuckerarme Getränke. Zwar gesteht die Politik eine Übergangsfrist von zwei Jahren zu, aber die Konzerne müssen umdenken.

In Deutschland leiden etwa sechs Millionen Menschen an der Zuckerkrankheit. Während der Diabetes Typ-1 durch bestimmte Erbfaktoren oder Virusinfektionen ausgelöst werden kann, stehen die Ursachen des Diabetes Typ-2 in engerem Zusammenhang mit der Lebensweise der Patienten. Offensichtlich wird das Erkrankungsrisiko durch falsche Ernährung, Bewegungsmangel und dadurch bedingtes Übergewicht erhöht. Die Konzerne haben es auf die Portemonnaie der Typ-2-Patienten abgesehen.

Millionengeschäft

Lebensmittelriese Nestlé, Schwartau, Natreen und weitere 50 kleinere Unternehmen teilen sich den Markt für „Functional Food“ (Nahrungsmittel mit zusätzlichen oder ausgetauschten Inhaltsstoffen) mit einem Umsatzvolumen von drei Milliarden Euro, hat 2009 die Deutsche Bank-Research festgestellt. Das entspricht in etwa zwei Prozent des gesamten Ernährungsgewerbes. Das Wachstum in dieser Sparte liegt bei zehn Prozent pro Jahr, während der verbleibende Lebensmittelmarkt um fünf Prozent zulegt.

Die Konzerne schwiegen gestern weitgehend zu diesem lukrativen Geschäft. Ausnahme Schneekoppe, der zu den größeren Herstellern zählt. Nach den Änderungen könne man nach Anpassung der Produktdeklaration und der Rezepturen noch bis zu 60 Prozent des „prodieta“-Sortimentes weiterführen, heißt es.

Nestlé erwirtschaftet mit diesen Produkten derzeit knapp drei Prozent seines Umsatzes, der bei zwei Mrd. Euro liegt. Das Ziel lautet: „Die Quote deutlich steigern“, so die Deutsche Bank Research. Dafür investieren die Schweizer jährlich rund zwei Prozent des Umsatzes in die Forschung.

Beim Konfitürenhersteller Schwartau machen die Diabetiker-Produkte fünf Prozent des Umsatzes aus. 2006 lag dieser bei 334 Millionen Euro, aktuellere Angaben machen die Schleswig-Hollsteiner nicht. Auch Natreen-Hersteller Sara Lee Household & Bodycare machte im Geschäftsjahr 2008/2009 einen Überschuss von 4,9 Mio. Euro. Welcher Anteil davon auf Natreen entfällt, verrät das Unternehmen in Köln nicht. Foto: dpa

Von Martina Wewetzer

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