ZDF-Doku

Die Lidl-Story: Wer ist der mysteriöse Discounter-Chef Dieter Schwarz?

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Ein Bild von Lidl-Chef Dieter Schwarz bekommen die Zuschauer von „Die Lidl-Story“ nicht zu sehen. Schauspieler Dietrich Adam mimt den Konzern-Boss.

Lidl-Chef Dieter Schwarz ist der geheimnisvollste Milliardär Deutschlands. Die ZDF-Doku „Die Lidl-Story“ macht sich auf die Spur des Discounter-Bosses.

Mainz - Dieter Schwarz (79), Gründer des Discounters Lidl, gilt als der reichste Deutsche: Sein Vermögen wird auf 39,5 Milliarden Euro geschätzt. Aber der Lidl-Chef gilt auch als Phantom. Die Journalisten Annebeth Jacobsen und Frank Diederichs versuchen sich heute in ihrer ZDF-Doku „Die Lidl-Story“ (ab 20.15 Uhr) aus der Reihe „Deutschlands große Clans“ an einem Porträt des Lidl-Bosses.

Das ZDF beginnt die Lidl-Doku wie einen Thriller: „Er ist ein Mysterium, lebt im Verborgenen, scheut die Öffentlichkeit. Und doch gibt es ihn. Seine Märkte sind überall in Europa und prägen seit Jahrzehnten unser Einkaufsverhalten.“ Zeitweise arbeite Dieter Schwarz „mit rauen Methoden“, behaupten die Autoren. Aber es kommen auch bewundernde Töne. Etwa vom früheren Lidl-Deutschland-Chef Jürgen Kisseberth. Für ihn ist Dieter Schwarz „ein exzellenter Unternehmer, der aus kleinsten Anfängen ein Weltunternehmen geschaffen hat“

Zeitweise merkt man den Autoren der „Lidl-Story“ auch an, dass es ihnen nicht gelingen will, ein klares Bild des Konzernchefs zu zeichnen. Festzuhalten bleibt für sie: „Er ist der Mann hinter Lidl und Kaufland, Dieter Schwarz. Ein Phänomen, ein Phantom.“ 

„Die Lidl-Story“: ZDF-Autoren auf Spurensuche in der Heimat von Konzern-Chef Dieter Schwarz

Zu Beginn der ZDF-Doku starten die Journalisten Jacobsen und Diederichs ihre Spurensuche in Heilbronn in Baden-Württemberg. Hier soll Dieter Schwarz leben. Wie er aussieht? Das bleibt unklar. „Im Internet kursieren zwei alte Fotografien von ihm, die im Fernsehen nicht mehr gezeigt werden dürfen.“ Der Grund: Dieter Schwarz scheue die Öffentlichkeit. „Wer sich auf seine Spuren begibt, stößt auf eine Mauer des Schweigens.“ So wie die Spiegel-Journalisten Alexander Kühn und Simone Salden, die ein halbes Jahr in Heilbronn recherchierten - in der Hoffnung, ein Porträt des Lidl-Chefs erstellen zu können. Herausgekommen ist eine Geschichte mit dem Titel „Der König von Heilbronn“. Die aber auch mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet.

Immerhin erfahren die Leser des kostenpflichtigen Spiegel-Artikels über Dieter Schwarz: „Menschen, die mit ihm privat verkehren, bezeichnen ihn als freundlich - aber auch als uncharismatisch, wenig empathisch. Echte Freunde hat er wenige, aber die schon lange. Sie sind sein Schutzwall. Wenn sie über ihn reden, dann nur gut. Und in Plattitüden.“

Von den Heilbronnern erfahre man nicht viel über den Lidl-Chef. Der Grund: Finanzielle Wohltaten, die die Bürger Dieter Schwarz mit Anonymität danken: „Schwarz ist einer der größten Arbeitgeber der Region, einer der wichtigsten Steuerzahler der Stadt. Er spendete Geld für die Renovierung eines Kirchturms, stiftete Kunst und einen Brunnen für den Marktplatz. Er bezahlt Reisen des Kammerorchesters. Er lässt Lehrer und Erzieher fortbilden und auch mal eine Turnhalle streichen. Er zahlt die Sprachförderung für alle Kinder der Stadt. Sogar einen Hochschulcampus hat er für Heilbronn gebaut. Derzeit investiert er in einen ‚Zukunftsfonds‘, der Start-ups fördert.“

Die Spiegel-Autoren kommen in ihrem Porträt über Lidl-Chef Dieter Schwarz zu einem knallharten Fazit: „Mit seinem Geld kauft er sich seine Heimatstadt: Kindergärten, Kirchen, Hochschulen - alle sind von ihm abhängig.“

14 Jahre vor der „Lidl-Story“: Focus-Porträt schildert Lidl Chef Schwarz als „Geheimnis-Krämer“ 

Schon 14 Jahre vor Ausstrahlung der „Lidl-Story“ im ZDF zeichneten die Focus-Autoren Jochen Schuster und Tanja Treser ein ähnliches Bild des geheimnisumwitterten Lidl-Chefs. Im Porträt „Der Geheimnis-Krämer“ beschreiben sie Schwarz als „einen Mann, der lieber auf das Bundesverdienstkreuz verzichtet, als den Schutz der Anonymität zu verlassen“. Ähnlich wie die Aldi-Chefs, die Brüder Albrecht, meide der Lidl-Boss die Öffentlichkeit. „Nur so kann er mit Ehefrau Franziska samstags auf dem Markt in Ruhe einkaufen, in seinen Filialen unerkannt nach dem Rechten sehen oder klassischen Konzerten in der Heilbronner Harmonie lauschen.“ Schwarz ziehe dem Luxus, den er sich fraglos leisten könnte, ein bodenständiges Leben vor: „kein Maßanzug, keine Luxusuhr, kein Chauffeur und nicht einmal ein Feriendomizil im Ausland. Viel lieber schlendert er im Heilbronner Zentrum unauffällig an einem auffälligen Brunnen vorbei, den er anonym gespendet hat.“

Auch sein Wohnhaus ist laut Focus alles andere als einen Traumvilla: „Ein namenloses Haus mit vergitterten Fenstern und Doppelgarage – dezent überwacht von zwei Kameras. Es gibt prunkvollere Bauten in der 120.000-Einwohner-Stadt Heilbronn.“ Früher habe die Familie des Lidl-Bosses direkt an den Weinbergen gewohnt, aus Sicherheitsgründen sei sie umgezogen. „In den 90er-Jahren legten ihm jedoch Sicherheitsberater nahe, in eine bewohntere Gegend zu ziehen. Seither fährt der Milliardenkaufmann in immer anderen Autos zu immer anderen Zeiten ins Neckarsulmer Büro.“

Die Focus-Autoren mutmaßen, dass Schwarz aufgrund seines Vermögens gefährlich leben könnte. Sie erinnern an die Entführung von Aldi-Nord-Gründer Theo Albrecht, der 1971 erst nach der Zahlung eines Millionen-Lösegeldes von seinen Kidnappern freigelassen wurde.

Ähnliche Einsichten bekommen die Zuschauer der ZDF-Doku.

„Die Lidl-Story“: So wurde der Discounter zum Mega-Konzern

Aber nicht nur Lidl-Chef Dieter Schwarz ist für die Autoren der „Lidl-Story“ ein Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Auch im Hinblick auf die Konzerngeschichte erfahren die Zuschauer einiges über den Discounter: Wie entstand die Firmengruppe? Was ist belegbar, was Legende? Annebeth Jacobsen und Frank Diederichs erzählen in ihrer Dokumentation, wie das ZDF ankündigt, „manche Überraschung“.

Bei Recherchen in Archiven sind die Filmemacher demnach auf bislang unveröffentlichte Dokumente gestoßen, die Einblicke in die Chronik der Firmengruppe und das Leben der Familienmitglieder gewähren. So zeigt sich, dass Dieter Schwarz keineswegs aus „kleinen Verhältnissen“ stammt, wie oft kolportiert wird. Vielmehr hat der Kaufmannsberuf in der Familie lange Tradition. Vater, Großvater und Urgroßvater waren bereits Kaufleute. Dieter Schwarz war also nicht derjenige, der den „Grundstein“ des Firmenimperiums legte.

Die Geschichte von Lidl beginnt schon früher, im Jahr 1930, als Vater Josef Schwarz in die Südfrüchtegroßhandlung „Lidl & Schwarz“ im baden-württembergischen Heilbronn einsteigt. Bald wird daraus ein Großhandel für Lebensmittel. Sohn Dieter macht eine kaufmännische Ausbildung und steigt ins Familienunternehmen ein. Doch er krempelt die Firma um, ist fasziniert von den ersten Aldi-Discountern der Brüder Karl (1920-2014) und Theo Albrecht (1922–2010), die in Deutschland erfolgreich starten.

Im Jahr 1968 eröffnet Dieter Schwarz den ersten Einzelhandelsladen. Das Unternehmen expandiert von Baden-Württemberg aus in die ganze Republik, schließlich auch ins Ausland. Dort ist Lidl inzwischen breiter aufgestellt als sein Hauptkonkurrent Aldi.

Heute gibt es weltweit mehr als 10.000 Lidl-Filialen, hinzu kommen gut 1200 Kaufland-Märkte, die ebenfalls zur Firmengruppe gehören. Rund 400.000 Menschen arbeiten für das Unternehmen.

Lidl-Chef Dieter Schwarz: Seit 1963 ist er verheiratet, er hat zwei erwachsene Töchter

Wie aber lebt der geheimnisvolle Milliardär? Nur wenig ist über das Privatleben von Dieter Schwarz bekannt. Seit 1963 ist er mit seiner Frau Franziska verheiratet, das Ehepaar Schwarz hat zwei erwachsene Töchter, über die der Focus schrieb: „Den Töchtern Regine und Monika, die beide verheiratet sind, überschrieb er schon zum 18. Geburtstag millionenschwere Immobilien- und Firmenbeteiligungen. Er selbst sicherte sich den Zugriff per Generalvollmacht. Eine Karriere im Reich des Vaters kam für die jungen Frauen ohnehin nicht in Frage. Im Februar 2004 verfügt der Schwabe in seinem Testament: Weder seinen Nachkommen noch der Unternehmensgruppe dürften im Falle seines Todes Nachteile entstehen. Die gemeinnützige Stiftung müsse weiter ihre Verpflichtungen erfüllen können.“

Der Milliardär hat sich der Förderung seiner Heimatstadt Heilbronn verschrieben. In Heilbronn sind viele dankbar für diese Großzügigkeit. Kritiker sprechen dagegen von Heilbronn als "Dieter Schwarz' liebstem Spielzeug" und mahnen, dass sich die Stadt abhängig von dem Discounter-König mache. 

1999 hat sich Schwarz aus dem operativen Geschäft zurückgezogen; sein Statthalter heißt Klaus Gehrig, von Mitarbeitern "der Killerwal" genannt. Ab 2004 gerät die Handelskette immer wieder in die Schlagzeilen: Öffentliche Klagen über schlechte Arbeitsbedingungen bringen das Unternehmen in Misskredit, und 2008 deckt der Stern einen Überwachungsskandal bei Lidl auf. Man habe daraus gelernt, bekunden die Manager heute, doch viele Beobachter sind skeptisch. Beruht das System "Lidl" auf Einschüchterung, Kontrolle und unbezahlter Mehrarbeit, wie Kritiker behaupten? Im Film sprechen Experten und ehemalige Angestellte über die Firmenpolitik.

Aktuell hält die "Dieter Schwarz Stiftung" 99,9 Prozent des Firmen-Kapitals, doch das letzte Wort im Unternehmen hat immer noch der Familienchef. Wie aber wird die Zukunft ohne ihn aussehen? Steigen seine beiden Töchter ins Unternehmen ein? Der Film beleuchtet auch die Stiftungsstruktur der Schwarz-Gruppe und geht der Frage nach, was ihren Namensgeber mit beinahe 80 Jahren immer noch antreibt.

Aber: Viele Fragen bleiben nach der „Lidl-Story“ offen. Vor allem Konzern-Boss Dieter Schwarz bleibt größtenteils ein Mysterium.

fro/pm

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