In den 60er-Jahren lag die Lederhose fast in jedem Kinderzimmer, bis die Jeans kam

Viele sind mit den unverwüstlichen Lederhosen groß geworden – egal ob sie passten.

Kassel. Gab es für Kinder überhaupt ein anderes Kleidungsstück außer der Lederhose? Ich glaube nicht. Jeden Tag wurde ich in die Krachlederne gesteckt, meine war rot. Meine Eltern liebten sie, denn sie war praktisch, robust und unkompliziert. Sie überstand Stürze und Fahrradunfälle, wies Flecken ab und war unzerstörbar.

Super. Da machte es nichts, dass sie wie frisch gegerbt roch, bretthart war und keine Bewegungen zuließ. Aber mal ehrlich: Es gab keine Alternative. Pinkfarbene, flauschige Mädchenkleidung war noch nicht erfunden. Alles war aus kinderfeindlichem Material, das wie ein Topfkratzer scheuerte oder sich so elektrisch auflud, dass es beim Ausziehen Funken schlug. Das tat die kurze Lederhose nie. Da nahm ich gerne einen leeren Schrank in Kauf. Zumindest, bis ich in die Schule kam.

In den 50er- und 60er-Jahren waren Eltern froh, wenn sie für ihre Kinder Lederhosen hatten. Meist wurden sie von Kind zu Kind weitergereicht. Doch nicht immer war das Stammeszeichen der alpinen Menschen mit den Schmuckketten – den Charivaris – so beliebt. Dabei ist diese Hose mitnichten bajuwarischer Abstammung.

Reitervölker der Antike waren die ersten, die lederne Hosenbeine trugen, die an den Knöcheln gebunden waren. Dies übernahmen die Kelten, die Germanen und später die Römer. Dass die Lederhose auch nördlich der Donau zum Einsatz kam, ist im wesentlichen den Sommerfrischlern zu verdanken, die nach Spielfilmen wie „Im weißen Rössl“ und den Ludwig-Thoma-Verfilmungen, ein Stück praktische Urlaubserinnerung gen Norden transportierten. In dieser Zeit entstand die typische Sepplhose: eine grau bis beige gefärbte kurze Lederhose mit Stulpen, als Symbol für Wanderlust. Nicht vergleichbar mit den heutigen aus feinstem Ziegenvelour, für die man um die 200 Euro hinblättert. Kinderhosen gibt es ab 80 Euro.

Dabei war die Lederhose Ende des 19. Jahrhunderts geradezu verpönt: Der 25. August 1883 ging als Datum in die bayerische Geschichte ein: Lehrer Vogel lamentierte über das Verschwinden der Lederhose und forderte seine Kumpanen auf, sich zünftige Säckler anfertigen zu lassen. Mit denen gingen sechs Bayrischzeller zum nächsten Kirchgang und ernteten Spott und Missfallen. Die Kurze, die nur als Arbeits- und Freizeitbekleidung zum Einsatz kam, wurde im Vergleich zu den Trachtenanzügen, als Verstoß gegen die guten Sitten gewertet.

Die Kirche bezog Stellung und verbot den Kniehöslern die Teilnahme an den erzbischöflichen Prozessionen. Rückendeckung für die Lederhose gab es erst zu Zeiten König Ludwigs II. Heute ist das Oktoberfest in München die größte Marketing-Veranstaltung für Lederhosen. Aber auch schusssichere (!), die ein Kolumbianer für rund 700 Euro auf den Markt gebracht hat, lassen sich in München bestaunen.

Dass Kinder heute nicht mehr in die Krachlederne groß werden, dafür sorgte der Bayer Levis Strauss – der Erfinder der Blue Jeans. Sie verdrängte die Lederne aus dem Kinderzimmer.

Von Claudia Brandau und Martina Wewetzer

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