Lufthansa vor größtem Pilotenstreik der Geschichte

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Lufthansa steht vor dem größten Streik ihrer Geschichte.

Frankfurt/Main - Ungebremst steuert die Lufthansa in den größten Pilotenstreik der deutschen Luftfahrtgeschichte. Zehntausende Passagiere könnten betroffen sein. Die Bahn rechnet mit mehr Fahrgästen.

Ein Vermittlungsversuch von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) blieb am Sonntag ebenso erfolglos wie das Angebot der Pilotenvereinigung Cockpit (VC), einen wichtigen Streitpunkt zunächst auszuklammern. VC-Sprecher Jörg Handwerg sagte am Abend: “Ich gehe fest davon aus, dass wir morgen streiken müssen.“ Die Gewerkschaft hat mehr als 4000 Piloten aufgerufen, die Jets von Lufthansa sowie ihrer Töchter Germanwings und Lufthansa Cargo von Montag um Mitternacht bis einschließlich Donnerstag stehenzulassen. Zehntausende Passagiere dürften betroffen sein, die Lufthansa rechnet mit Millionenschäden.

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Die größte Fluggesellschaft Europas erklärte, sie sei zu Gesprächen ohne Vorbedingungen bereit. Gleichzeitig aber verlangte sie von den Piloten, ihren “unerfüllbaren und rechtswidrigen Forderungskatalog“ fallen zu lassen. Dann könne eine Einigung schnell erfolgen, habe Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber auch dem VC- Präsidenten Winfried Streicher persönlich mitgeteilt. Ein VC-Sprecher erklärte, man habe den Eindruck, die Lufthansa sei nicht an einem Verhandlungserfolg interessiert. Die in den vergangenen Jahren durch Zukäufe schnell gewachsene Lufthansa will unter anderem Forderungen der Gewerkschaft vom Tisch bekommen, in denen sie eine Ausweitung deutschen Tarifrechts auf das Ausland sieht.

Lufthansa-Streik: Das müssen Passagiere jetzt wissen

Flugausfälle, Verspätungen, lange Schlangen: Was Passagiere zum Pilotenstreik wissen sollten. © dpa
1.) Wann genau wird gestreikt? Begonnen hat der Ausstand der Piloten in der Nacht zum Montag, 22. Februar, um 00.00 Uhr. Beendet sein soll er nach Ankündigung von Cockpit erst am späten Donnerstagabend, 25. Februar, um 23.59 Uhr. © dpa
2.) Welche Ausmaße hat der Pilotenstreik? Die Lufthansa hat die Streichung von zwei Dritteln ihrer Flüge in dem betreffenden Zeitraum angekündigt. Von den täglich rund 1.800 Flügen starten also nur 600. © dpa
Auch Auswirkungen auf andere Länder waren schon am Montag zumindest in geringen Umfang spürbar - schließlich sind die Airports in München und Frankfurt am Main wichtige internationale Drehkreuze. © dpa
3.) Wer streikt? Aufgerufen sind 4.000 der 4.500 Piloten und Co-Piloten in Passagier- und Frachtmaschinen bei der Lufthansa sowie ihrer Tochter Germanwings. Wie viele Piloten jeweils tatsächlich streiken, ist offen. © dpa
Weil die Vereinigung Cockpit bei den Beschäftigten des Lufthansa-Kernkonzerns einen hohen Organisationsgrad hat, wurde jedenfalls eine hohe Streikbeteiligung erwartet. © dpa
4.) Was wollen die Piloten mit ihrem Streik erreichen? Sie wollen vor allem ihre gut bezahlten Arbeitsplätze im Lufthansa-Konzern schützen. Nach Darstellung der Gewerkschaft werden diese zunehmend in billigere Gesellschaften verlagert. © dpa
Ursprünglich wollten die Piloten zudem 6,4 Prozent mehr Gehalt - bei einem Stopp der Auslagerung ihrer Jobs wären die Piloten aber wohl zu einer Nullrunde bereit. © dpa
5.) Welche Rechte hat ein Passagier bei Verspätungen? Laut der EU-Fluggastrechte-Verordnung können Fluggäste schon bei kürzeren Verspätungen auf Rechte pochen. © dpa
Bei Abflugverzögerungen von zwei Stunden bei Kurzstrecken, drei Stunden bei Mittelstrecken und vier Stunden bei Langstrecken muss auf Wunsch “für das leibliche und kommunikative Wohl“ des Fluggastes gesorgt werden, wie die Verbraucherzentralen betonen. © dpa
Im Klartext: Passagiere haben dann Anspruch auf kostenlose Mahlzeiten, Erfrischungen, zwei Telefongespräche, Faxe oder E-Mails sowie - falls nötig - Hotelübernachtungen inklusive Transfer. Wer seine Reise nicht mehr antreten will, kann bei einer mindestens fünfstündigen Flugverspätung sein Geld zurückverlangen. © dpa
6.) Was, wenn der Flug gestrichen wird? Wer am Flughafen erfährt, dass seine Verbindung gestrichen ist, hat die Wahl, den Ticketpreis erstattet zu bekommen oder sich mit einem Ersatzflug zum Ziel bringen zu lassen. © dpa
Die Fluggesellschaft muss dann eine alternative Beförderung unter gleichen Reisebedingungen und zum frühestmöglichen Zeitpunkt ermöglichen. Gegen Schadenersatz- oder Ausgleichszahlungen wehren sich die Fluggesellschaften in der Regel und verweisen oft auf die außergewöhnlichen Umstände - auch bei Streiks. © dpa
7.) Was sollten Passagiere noch tun? Sich bei einer Flugannullierung den konkreten Grund am Flughafen schriftlich bestätigen lassen. Damit können sie ihre Rechtsposition unter Umständen verbessern, falls es später vor Gericht geht. Wer sich offiziell beschweren will, muss sich dazu an das Luftfahrt-Bundesamt wenden. © dpa

Nach einem 1992 abgeschlossenen Vertrag müssen nach VC-Lesart Piloten von Auslandstöchtern, die unter Lufthansa-Logo fliegen, nach dem Konzerntarif bezahlt werden. Bislang betrifft dies nur die Lufthansa Italia, in der sich das Unternehmen das Recht vorbehält, auch zu italienischen Tarifbedingungen einzustellen. Die Pilotengewerkschaft hatte angeboten, das Thema auszuklammern und gerichtlich klären zu lassen. Ramsauer erklärte, das Feld für weitere Gespräch sei bereitet. Er rechne mit Verhandlungen am Montag oder Dienstag. Die Flughäfen in Deutschland rüsteten sich für den Streik. Flüge aus dem Ausland nach Deutschland wollen die Piloten zwar noch absolvieren, dann aber die Maschinen parken.

Bahn rechnet mit mehr Reisenden

Die Deutsche Bahn rechnet mit deutlich mehr Reisenden, wenn die innerdeutschen Flüge ausfallen. Einige ausländische Airlines wollen größere Flugzeuge einsetzen, um gestrandete Passagiere aufnehmen zu können. Dazu gehören auch Gesellschaften des Lufthansa-Konzerns wie die Swiss und Partner aus dem Netzwerk “Star Alliance“ wie die polnische LOT. Nach dem Notfallplan der Lufthansa sollen rund zwei Drittel der bestreikbaren Flüge ausfallen, ein Drittel soll unter anderem mit Hilfe von Piloten aus dem Management angeboten werden. Insgesamt würden damit bei Lufthansa rund 3200 Flüge ausfallen. Beim Billigflieger Germanwings sollen rund zwei Drittel der Flüge trotz des Streiks stattfinden - es wurden unter anderem Maschinen und Besatzungen von anderen Gesellschaften angemietet.

Geld, Arbeitsplatzsicherheit und Einfluss

In dem Tarifkonflikt geht es um Geld, Arbeitsplatzsicherheit und um den Einfluss der Piloten auf die Konzernpolitik. Lufthansa- Personalvorstand Stefan Lauer konkretisierte das Angebot der Lufthansa und sagte der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: “Wir sind bereit, eine Arbeitsplatzgarantie bis Ende 2012 zu geben.“ Im Gegenzug erwarte das Unternehmen aber “mehr als die bislang angebotenen zwölf Monate Nullrunde“. Ein Kernpunkt des Streits ist die Befürchtung der Gewerkschaft, die Lufthansa könnte Strecken an billigere Töchter verlagern.

In den vergangenen acht Jahren sei die Zahl der Lufthansa-Maschinen im Konzern von 300 auf 850 gestiegen, aber nur zwei Maschinen seien im Geltungsbereich des Konzerntarifvertrages hinzugekommen, sagte VC- Sprecher Handwerg. Das Unternehmen spricht dagegen von einem kontinuierlichen Stellenzuwachs im Bereich des Konzerntarifs um rund 20 Prozent. Es gebe keine Pläne, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, sagte Konzernsprecher Klaus Walther. Die Industrie befürchtet im Falle eines Streiks Folgen für die Exportnation Deutschland: Für einen Streik würde Deutschland einen hohen Preis zahlen müssen, warnte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, in der “Bild am Sonntag“. “Ein Streik wäre doppelt bitter in einer wirtschaftlich sensiblen Phase: Gerade jetzt sind die endlich wieder erstarkenden Unternehmen ganz besonders auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen.“

Lufthansa und Germanwings bieten betroffenen Passagieren kostenlose Stornierungen oder Umbuchungen an. Auf den innerdeutschen Strecken kann auf die Bahn ausgewichen werden. Zudem wollen die Airlines für die Betreuung der auf Flüghäfen festsitzenden Fluggäste sorgen. Nicht bestreikt werden Lufthansa-Regionalpartner wie Cityline oder Eurowings, die auf weniger stark nachgefragten Routen unterwegs sind. An normalen Tagen befördern Lufthansa und ihre Regionalpartner im Schnitt rund 150 000 Passagiere.

dpa

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