Göttinger Forschungsinstitute spielen in der weltweiten Luft- und Raumfahrt eine bedeutende Rolle

Das DLR macht kräftig Wind

Kleine Wunderwerke: Satelliten-Antriebe sind häufig nur handgroß. Auch sie werden im DLR erprobt.

göttingen. Wo immer auf der Welt ein neues Flug- oder Raumfahrzeug entwickelt wird, haben meist auch die Spezialisten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen ihre Hände im Spiel. Seit 1907 befasst sich das heutige Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik mit Flugzeug- und Flügelkonstruktionen. In der Branche sind die so genannten „Göttinger Profile“, die Hunderte von unterschiedlichen Flügelformen beschreiben, unverzichtbares Handwerkszeug für jeden Flugzeugkonstrukteur. Und bevor ein neuer Flugzeugtyp überhaupt abheben darf, muss er einen Flattertest bei den Kollegen des Schwesterinstituts für Aeroelastik absolvieren. Dabei simulieren die Techniker jede erdenkliche Belastung.

Gutes Dutzend Windkanäle

Kernstück der Versuche und Entwicklungen beider Institute ist ein gutes Dutzend Windkanäle, von denen der größte 50 Meter lang, zwölf Meter hoch und 45 Millionen Euro teuer ist. Wenn das Monstrum aus Stahl und Beton arbeitet, zieht es so viel Strom wie eine Kleinstadt an einem Tag verbraucht. In den komplexen Windkanälen können die DLR-Strömungsexperten beispielsweise den Wiedereintritt eines Raumfahrzeugs in die Erdatmosphäre simulieren, wobei an der Außenhaut Temperaturen von bis zu 10 000 Grad entstehen. Diese unvorstellbar große Hitze wird für eine Tausendstel Sekunde erzeugt. Länger würden die Anlage und die Modelle dies nicht aushalten. Die Erkenntnisse aus Göttingen helfen, die gewaltigen Belastungen für das Material durch konstruktive Änderungen am Flugkörper oder am Hitzeschild aus speziellen Keramikfliesen zu verringern.

10 000 Stundenkilometer

In anderen Anlagen experimentieren die Göttinger mit Geschwindigkeiten von bis zu 10 000 Stundenkilometern. Dabei geht es darum, aufzuzeigen, was technisch machbar ist. „Wir sind das Windkanalzentrum in Deutschland“, sagt Institutssprecher Jens Wucherpfennig. Nirgendwo sonst gebe es so viele Windkanäle für die unterschiedlichsten Anwendungen.

Demnächst kommen zwei neue hinzu. In ihnen soll der Hochgeschwindigkeitszug der Zukunft entwickelt und getestet werden. In der einen Anlage wird die Seitenwindanfälligkeit bei Geschwindigkeiten von 400 Stundenkilometern und mehr nachempfunden, in einem anderen sollen Tunneleinfahrten sowie Begegnungsverkehr in den Tunneln nachgestellt werden. Dazu wird ein Modell im Maßstab 1:20 mit einem großen Katapult für kurze Zeit auf 400 Stundenkilometer beschleunigt und abgebremst. Die Strömungstechnik ist entscheidend für das Design des Superzuges, der sicherer und komfortabler als die heutigen Schnellzüge sein, mit 800 Fahrgästen doppelt so viele Passagiere befördern und dabei mit weniger Energie auskommen soll. „Diese Anlage wird einmalig“, sagt Wucherpfennig.

Einmalig ist auch, dass das DLR nach eigenen Angaben als weltweit einziges Institut ein komplettes Passagierflugzeug in einer Halle stehen hat, die um den Flieger herum gebaut wurde. Es handelt sich um eine Do 728 mit bis zu 85 Plätzen, zu deren Serienfertigung es wegen der Pleite des Flugzeugbauers Fairchild Dornier nie kam. Der Prototyp steht seit 2005 in Göttingen und hilft den DLR-Forschern, wichtige Erkenntnisse in den Bereichen Akustik und Raumklima zu gewinnen. „Darum beneiden uns viele in der Welt“, so Wucherpfennig. Mitunter werden mit Testpassagieren Flüge simuliert. Meist aber machen verkabelte Dummies diesen schweren Job.

Das DLR beschäftigt in Göttingen 415 Mitarbeiter. Die Investitionen im vergangenen und in diesem Jahr belaufen sich auf 14 Mio. Euro.

Von José Pinto

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