Metall-Tarifverhandlungen ziehen sich in die Länge

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Bei der Forderung nach einer unbefristeten Übernahme für fertig ausgelernte Lehrlinge gab es erste spürbare Annäherungen.

Sindelfingen - Zähes Ringen im Metall-Tarifkonflikt: Die IG Metall sieht zwar Annäherungen bei der Azubi-Übernahme, bremst aber gleichzeitig die Erwartungen. Denn die Leiharbeit mache weiter Probleme.

Besonders das heiße Eisen Leiharbeit hat das Ringen um einen neuen Metall-Tarifabschluss in der Nacht zu Samstag in eine wahre Hängepartie verwandelt. Die IG Metall und die Arbeitgeber näherten sich auch nach Stunden nur in Trippelschritten und zogen sich immer wieder zu Beratungen in ihre Gremien zurück. Bei den Verhandlungen im möglichen Pilotbezirk Baden-Württemberg waren auch IG-Metall-Chef Berthold Huber und Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser hinzugezogen worden. Auch am späten Abend war der Ausgang der Gespräche in Sindelfingen noch völlig ungewiss - eine neue Marathonsitzung bis in den Morgen zeichnete sich ab.

So viel verdienen Merkel, Ackermann & Co. - Spitzengehälter in Politik und Wirtschaft

Gehaltserhöhung für Angela Merkel und ihre Minister: Das Bundeskabinett will seine Bezüge erhöhen - und erntet Kritik. Doch die Kanzlerin ist längst nicht die einzige, die in Deutschland gut verdient. Verantwortungsträger in der Wirtschaft bewegen sich in anderen Dimensionen. Die Spitzengehälter im Überblick: © dapd
Josef Ackermann, der Deutsche-Bank-Chef, schaffte es mit seinem Jahresgehalt sogar in die internationale Top 20 - gemessen am Vergleich der Dax-Unternehmen mit den größten europäischen und US-Aktiengesellschaften. Die Bezüge des Schweizers summierten sich nach Angaben der Frankfurter Unternehmensberatung Hostettler, Kramarsch & Partner 2011 auf rund 9,4 Millionen Euro. © dpa
Die parlamentarischen Staatssekretäre, wie hier Christoph Bergner, kommen derzeit auf knapp 10 000 Euro im Monat. Mit der Erhöhung kämen bis August 2013 rund 580 Euro oben drauf. © dpa
Frank Appel, der Vorstandschef der Deutschen Post DHL, kassierte 2011 rund 5,2 Millionen Euro. © dpa
Bundesminister wie Hans-Peter Friedrich und Kristina Schröder verdienen nach Angaben des Innenministeriums rund 13 000 Euro im Monat, nach der geplanten Gehaltsanhebung kämen 750 Euro (im Jahr: 9000 Euro) dazu. © dpa
Jürgen Großmann: Der RWE-Chef kam im vergangenen Jahr auf rund 6,4 Millionen Euro. © dpa
Kasper Rorsted: Bei Waschmittelkonzern Henkel verdiente der Vorstandschef 2011 rund 5,4 Millionen Euro. © dpa
Peter Löscher, der Siemens-Chef, strich im vergangenen Jahr rund 8,7 Millionen Euro ein. © dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel verdient im Monat 16 152 Euro, hinzu kommt eine sogenannte Dienstaufwandsentschädigung von 1022 Euro. Bis August 2013 sind schrittweise Erhöhungen geplant - das bedeutet ein monatliches Gehaltsplus von 930 Euro (im Jahr 11 160 Euro). © dpa
Norbert Reithofer, der Lenker des Autobauer BMW, kassierte 2011 rund 6,6 Millionen Euro - nicht wenig, aber nur knapp ein Drittel von den Bezügen von VW-Chef Winterkorn. © dpa
Martin Winterkorn ist der Spitzenverdiener unter den deutschen Managern. Der VW-Chef verdiente 2012 mehr als 14,5 Millionen Euro - und das, obwohl er freiwillig auf Gehalt verzichtet hat. © dpa
Wolfgang Reitzle, der Chef des Industriegase-Spezialisten und Anlagenbauers Linde, verdiente 2011 rund 6,7 Millionen Euro. © dpa
Dieter Zetsche, der Daimler-Vorstandschef, kam 2012 auf ein Jahresgehalt von mehr als 8,2 Millionen Euro. © dpa

Bei der fünften Verhandlungsrunde entwickelte sich die Leiharbeit zum zentralen Knackpunkt. Während der entscheidenden Tarifrunde zeigte sich deutlich, dass die Gräben bei diesem Thema am tiefsten sind. Bei der Forderung nach einer unbefristeten Übernahme für fertig ausgelernte Lehrlinge gab es dagegen erste spürbare Annäherungen.

Als Zwischenstand wiesen beide Seiten den Fortschritt bei der Azubi-Übernahme als Erfolg aus. Parallel betonten sie aber übereinstimmend die unveränderten Differenzen bei der Leiharbeit. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa kreisten die Gespräche auch nach Stunden um das Thema Azubi-Übernahme und Nummer zwei der entgeltunabhängigen Themen - die Leiharbeit - stand nicht im Fokus.

Aus Sicht von IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann liegen die Positionen bei der Leiharbeit “meilenweit auseinander“. Auch das dritte, noch undiskutierte Ziel 6,5 Prozent mehr Geld berge nach wie vor Konfliktstoff. Sollten sich die Tarifparteien nicht merklich annähern, droht in der Schlüsselbranche der erste groß angelegte Arbeitskampf seit 2002. Bisher gibt es nur Warnstreiks. An ihnen hatten sich in Baden-Württemberg über 236 700 Metaller beteiligt. In dem Industriezweig arbeiten bundesweit 3,6 Millionen Beschäftigte.

Die IG Metall will das Verdienstplus sowie die Themen Leiharbeit und Azubi-Übernahme als Gesamtpaket durchboxen. “Auch wir Arbeitgeber sind dafür, dass so viel wie möglich Ausgebildete übernommen werden“, sagte Südwestmetall-Chef Rainer Dulger am Freitag und machte klar, dass der Fortschritt bei der Lehrlings-Übernahme groß sei. Bei der Leiharbeit hört sich sein Fazit anders an. Zwar bestehe auch dort Einigkeit, dass es eine faire Entlohnung geben müsse. “Das darf aber nicht zulasten der Flexibilität in den Betrieben gehen“, betonte er.

Der unterschiedlich heftige Widerstand liegt in der Natur der Forderungen. Azubis sind die Fachkräfte von morgen - und bei denen droht bekanntlich ein Mangel. Den Nachwuchs langfristig zu binden und dabei nicht nur Jahrgangsbeste auszuwählen, dürfte den Arbeitgebern daher als das kleinere Übel erscheinen, zumal sich die Gewerkschaft schon kompromissbereit für mögliche Hintertürchen gezeigt hatte. So sollen nach bisherigem Beratungsstand Ausnahmen möglich sein, wenn Betriebe über Bedarf ausbilden oder einige Lehrlinge Probleme machen.

Zugeständnisse bei der Leiharbeit sind da ein anderes Kaliber. Dort geht es weniger um die Frage einer besseren Bezahlung für die befristet ausgeliehenen Arbeitskräfte - dabei stehen die Arbeitgeber ohnehin parallel in Tarifverhandlungen. Es geht darum, wie flexibel die Chefetagen dank ausgeliehener, günstigerer Arbeitskraft auf etwaige Auftragsspitzen reagieren können. Und darum, wie sich der Kostenfaktor einer tariflich bezahlten Stammbelegschaft entwickelt. Die Arbeitgeberseite pocht an diesem Punkt auf die Unabhängigkeit unternehmerischer Entscheidungen - es gehe um Wettbewerbsfähigkeit.

Sollte die IG Metall nun etwa durchboxen, dass die Betriebsräte Umfang, Dauer und Bezahlung von Leiharbeit künftig mitbestimmen, wäre das ein tiefer Einschnitt für die Arbeitgeber und ein deutlicher Machtgewinn für die Arbeitnehmer. Entsprechend verhärtet sind die Fronten. Hofmann dämpfte daher auch die Erwartungen: “Wir sind in einigen Punkten etwas nähergekommen. Das teile ich. Gerade bei der Frage der unbefristeten Übernahme.“

Die Leiharbeit bleibe aber das umstrittenste Thema. “Das wird auch jetzt der zentrale Punkt sein, wo wir weiter darauf beharren, dass diese Fragen geklärt sind, bevor wir dann bei der auch noch offenen und mit viel Konflikt verbundenen Entgeltfrage in Gespräche kommen.“ Einen schnellen Abschluss erwarte er daher nicht. “Ich sehe das immer noch mit großem Zweifel.“ Auch IG-Metall-Chef Huber zeigte sich nur vorsichtig zuversichtlich. “Ich bin immer optimistisch“, sagte er der dpa.

Die IG Metall hatte bereits klargestellt, dass die Wende am Freitag hermüsse, um ein Scheitern noch abzuwenden und damit Urabstimmungen über unbefristete Streiks. Dulger warnte: “Beim jetzigen Verhandlungsstand wäre ein Streik verantwortungslos und leichtfertig.“ Die Gewerkschaft fordert ferner 6,5 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Die Arbeitgeber bieten für 14 Monate 3 Prozent mehr Geld.

dpa

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